Karriere im Fleischerhandwerk Quereinsteiger mit Spaß am Job

Freitag, 28. Februar 2020
Verkaufstalent: Statt Briefe zuzustellen, leitet Tobias Voß heute die Filiale der Metzgerei Schneider am Stuttgarter Rathausplatz.
Foto: Schneider
Verkaufstalent: Statt Briefe zuzustellen, leitet Tobias Voß heute die Filiale der Metzgerei Schneider am Stuttgarter Rathausplatz.

Woher kommen junge Führungskräfte im Fleischerhandwerk? Die afz - allgemeine fleischer zeitung hat bei einem erfolgreichen Filialisten nachgefragt.

Wie weit geht die Karriere im familiengeführten Unternehmen? „Mitarbeiter, die Lust darauf haben, sind der Motor unseres Erfolgs. Wir investieren in sie. Investitionen in Menschen sind unternehmerisch klug und profitabel.“ So bringt es Jochen Schneider, Geschäftsführer der Metzgerei Schneider mit Stammsitz in Pliezhausen (Landkreis Reutlingen) auf den Punkt. Er betreibt 14 Filialen und beschäftigt 250 Mitarbeiter. Mit zwei seiner Führungskräfte hat die afz gesprochen.

„Karriere muss man wollen“

Tobias Voß ist 36 Jahre jung. Er leitet die Schneider-Filiale am Stuttgarter Rathausplatz. Nach der Schule begann er eine Kochausbildung. Doch im zweiten Lehrjahr wurde ihm vom Arzt für den Kochberuf eine Berufsunfähigkeit attestiert. Die zweite Ausbildung als Postzusteller beendete Voß erfolgreich, merkte aber bald: Das ist nicht mein Job. Daraufhin landet er zwar in der für ihn richtigen Branche Metzgerei, aber bei einem Unternehmen, das bald Insolvenz anmeldete. Den passenden Arbeitgeber fand er im Alter von 25 Jahren bei der Metzgerei Schneider – zehn Jahre später ist er dort zum Filialleiter aufgestiegen.
„Bei Schneider werden alle gefördert, die leistungsbereit und loyal sind. “
Tobias Voß
Dass alles so kam, ist Voß’ eigenem Ehrgeiz und der Förderung durch seinen Arbeitgeber zu verdanken. Sein heutiger Chef, Jochen Schneider, empfahl dem jungen Mann eine Kurzzeitausbildung an der Stuttgarter Hoppenlau-Schule. Voß erinnert sich gern daran: „Das war stressig, aber schön. Der Tag in der Schule war für 18 Monate immer mein freier Tag. Aber das wollte ich auch so.“ Gleich nach der Gesellenprüfung schrieb sich Voß an der Fleischerschule Augsburg für einen Verkaufsleiterkurs ein. Weiter ging es für ihn ohne nennenswerte Pause an der Akademie des Fleischerhandwerks, wo er eine Weiterbildung zum Betriebswirt des Handwerks abschloss.

Mit gerade mal 27 war Voß damals einer der jungen Stars seines Arbeitgebers. Den Stolz auf seine Abschlüsse beschreibt er so: „Ich habe alles selbst bezahlt, für die Kurse meinen Urlaub gespart. So blieb ich stark und unabhängig. Natürlich war es entspannt, weil mein Gehalt weiterlief und Jochen Schneider sagte, dass ich mir um das Wirtschaftliche keine Sorgen zu machen brauche.“ Voß antwortet als Filialleiter sehr professionell, wenn man ihn nach „seinem“ Unternehmen befragt. Er weiß: „Bei Schneider werden alle gefördert, die leistungsbereit und loyal sind. Sobald Herr Schneider merkt, da ist Dampf dahinter, fördert er.“

Es passt zu dem jungen Verkaufstalent, dass es auch schon seine nächsten Karriereschritte plant. Voß verrät: „Ich habe eine Geschäftsidee für meine Selbstständigkeit. Es geht um eine spezielle Ernährungs- und Kochberatung. Aber ich suche diese Existenzgründung im Miteinander mit der Metzgerei, denn Schneider hat mit seiner Frische einen starken Wettbewerbsvorsprung.“

Doch keine Polizei-Uniform

Die einst 18-jährige Agnes Häberle, die sich mutig beim Chef eines großen schwäbischen Fleischerei-Filialisten bewarb, sollte einige Jahre später zur wichtigen Führungskraft im Unternehmen und zu seiner Lebenspartnerin avanciert sein. Und so kam es: Eigentlich wollte die junge Frau Polizistin werden. „Die Uniform und der Respekt, den die Leute damals vor einer Polizistin hatten, gefielen mir.“ Doch zunächst war sie Babysitterin in der Metzgerfamilie ihres Heimatorts. Sie mochte das Geschäft, die Leute dort und die Arbeit.

Bald fand sich Häberle als Auszubildende hinter der Fleisch- und Wursttheke wieder. „Meine Ausbildung war sehr gut. Ich durfte von Anfang an alles machen und alles lernen.“ Mit dem Gesellenbrief und ihrem 18. Geburtstag flammte ihr Karrierewille auf. Allerdings fiel ihr in diesem Zusammenhang folgender Merksatz ein: „Wo Du gelernt hast, kannst Du schwer Karriere machen“.

Vom Vertreter einer Gewürzmühle erfuhr die frisch ausgelernte Fachverkäuferin, dass die Metzgerei Schneider der Arbeitgeber Nummer eins in der Region sei. Häberle griff sofort zum Telefon und hatte prompt einen der beiden Chefs an der Strippe: Jochen Schneider. Beim Vorstellungsgespräch sagte die junge Frau damals ganz selbstbewusst: „Ich will Verkaufsleiterin werden, und zwar schon nächstes Jahr.“ Jochen Schneider erinnert sich ebenfalls gut an diese Situation: „Ich war spontan beeindruckt von dieser Bewerberin, die zum Vorstellungsgespräch mit einem konkreten Zeitplan kommt.“
Willensstark: Agnes Häberle wusste bereits beim Vorstellungsgespräch, wohin sie ihre Karriere einmal führen sollte.
Foto: Schneider
Willensstark: Agnes Häberle wusste bereits beim Vorstellungsgespräch, wohin sie ihre Karriere einmal führen sollte.
Fortan lief alles wie am Schnürchen. Agnes Häberle bezahlte die Lehrgänge zur Ernährungsberaterin im Fleischerhandwerk und zur Verkaufsleiterin aus eigener Tasche. Sie erlebte das damals als Beweis ihrer Stärke und Unabhängigkeit. „Ich kam topmotiviert von den Lehrgängen zurück“, sagt sie und räumt ein: „Oft sogar so motiviert, dass ich den anderen Kolleginnen etwas von meinem Elan abgeben konnte.“ 2011 – Agnes Häberle war seinerzeit 23 Jahre jung – wurde ihr die Leitung der Schneider-Filiale in Plochingen übertragen.

Ganz typisch für Häberles starken Willen war ihre Teilnahme am Süffa-Plattenwettbewerb. „Ich wollte unbedingt einen Pokal mit nach Hause bringen“, umreißt sie ihr damaliges Ziel. Und bei der Süffa 2009 kam es, wie es kommen sollte: Sie erhielt drei Goldmedaillen und den Pokal der Tagessiegerin.

Wer nur die Fakten dieser Geschichte liest und Agnes Häberle nicht kennt, könnte meinen: Eine Frau, die ausschließlich an ihre Karriere denkt. Doch weit gefehlt. Die Filialleiterin hat ein freundschaftliches, fast liebevolles Verhältnis zu ihrem Team. Sie ist Vorbild und Förderin und erklärt ihre Rolle so: „Alles, was ich von meinen Kolleginnen in der Filiale erwarte, muss ich auch selbst leisten können. Es gibt für mich keine Arbeiten, bei denen ich sage: ‚Ich bin Chefin, das mach‘ Du mal‘.“
„Ich kam topmotiviert von den Lehrgängen zurück. “
Agnes Häberle
Dass sie eine Vorzeige-Fachkraft ist, zeigt sich auch an ihrer Ausbildungs-Bilanz: Fünf junge Leute hat sie in ihrer Filiale erfolgreich zum Gesellenbrief begleitet. Alle legten sehr gute praktische Prüfungen ab. Die letzte Frage im Gespräch mit der afz: „Wie ist es heute, wenn Sie eine Polizistin in Uniform sehen. Denken Sie dann manchmal: Das könnte ich sein?“ Die Antwort: „Ja, das denke ich wirklich manchmal. Aber ich habe in meinem Beruf so viel Glück und wunderschöne Erfolgserlebnisse, dass ich nichts anderes sein möchte.“

Weitere Beispiele für eine Karriere im Fleischerhandwerk finden Sie hier.

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