Karriere im Fleischerhandwerk Vom Büro in die Wurstküche

Freitag, 19. Februar 2021
Diese Arbeit passt zu ihr, finden Freunde und Bekannte: Die Fleischerin Katrin Gössl unterstützt ihren Vater in der Produktion und hat als nächstes die Meisterprüfung auf der Agenda.
Foto: Angela Schneider / Schwäbische Zeitung
Diese Arbeit passt zu ihr, finden Freunde und Bekannte: Die Fleischerin Katrin Gössl unterstützt ihren Vater in der Produktion und hat als nächstes die Meisterprüfung auf der Agenda.

Jeden Tag Zahlen, Zahlen, Zahlen: Katrin Gössl aus Tettnang wagte einen radikalen Schnitt, verabschiedete sich vom gut bezahlten Job im Controlling einer Klinik und startete eine Karriere im Fleischerhandwerk.

Mit direktem Blick in den OP und auf hin und her flitzende Krankenschwestern: Das war knapp zwei Jahre lang der Büro-Arbeitsplatz von Katrin Gössl. Die 26-Jährige, seinerzeit als Controllerin in einem Konstanzer Krankenhaus beschäftigt, fühlte sich dabei stets mit Wehmut an zu Hause erinnert. Dort, in der Hopfenstadt Tettnang im Bodenseekreis, befindet sich das Fleischer-Fachgeschäft ihrer Eltern Rainer und Claudia Gössl.

Wenn die junge Frau heute an ihre schulische und berufliche Laufbahn zurückdenkt, beschleicht sie das Gefühl, nach ihrem Abitur mit einem hervorragenden Notenschnitt von 1,8 einfach in die „Schiene Universität hineingeflutscht“ zu sein: „Es sind viele meiner Klassenkameraden zum Studieren gegangen – darunter auch Schüler mit einem wesentlich schlechteren Abi-Schnitt als ich ihn vorweisen konnte.“ 

Nach dem Gymnasium erweiterte Katrin Gössl ihren persönlichen Horizont zunächst durch einen dreimonatigen Auslandsaufenthalt. Sie arbeitete in Südafrika als Voltigier-Trainerin. Diesen Sport – das Turnen auf dem Pferderücken – betreibt sie schon seit Kindheitstagen und sogar heute noch ab und zu. „Es war eine coole Zeit, denn die Südafrikaner sind sehr pferdeaffin“, schwärmt sie. Ihre Eltern hielten natürlich ein wenig den Atem an, als die damals 18-Jährige ganz allein auf einen fremden Kontinent reiste. Sie selbst profitierte davon und erklärt: „Man wird viel schneller selbstständig, wenn man – wie ich damals – einfach ins kalte Wasser geworfen wird.“

Von Südafrika an die Uni

2013 ging es nach der Rückkehr in die Heimat für Katrin Gössl postwendend nach Karlsruhe an die Uni: Sie wählte den Studiengang „International Business“, stellte aber schnell fest, dass er ihr nicht lag und wechselte nach Ulm. Ihr Fokus blieb zwar auf Betriebswirtschaft, allerdings mit Schwerpunkt Gesundheitswesen statt Fremdsprachen. Die 2017 fertiggestellte Bachelorarbeit mit dem Titel „Prozessoptimierung im OP“ schrieb sie bei ihrem späteren Arbeitgeber in Konstanz, der ihr nach dem Studienabschluss einen Job in der Abteilung Controlling und Finanzen anbot.

„Ich war dort zeitweise sogar mit im OP und fand es total interessant. Und dass Blut fließt, ist für mich sowieso kein Problem“, beteuert die taffe junge Frau. Wohl aber die Aussicht, in den nächsten, möglicherweise 40 Arbeitsjahren täglich acht Stunden vor dem PC über Excel-Tabellen zu brüten. „Meine Aufgaben waren zwar nicht uninteressant, und ich hatte mich ja bewusst für eine Arbeit mit Zahlen entschieden. Aber es war einfach nicht mein Ding“, resümiert sie.

Kollegen blieben verblüfft zurück

In dem beruhigenden Bewusstsein, den Bachelor in der Tasche zu haben und im Zweifelsfall wieder in den Büroberuf zurückkehren zu können, entschloss sich Gössl 2018 zum „radikalen Cut“: Statt in einem anderen betriebswirtschaftlichen Bereich mit mehr Kundenkontakt – etwa in Vertrieb oder Personalwesen – anzuheuern, kündigte sie ihren gut bezahlten Klinikjob und ließ die anderen Mitarbeiter ziemlich verblüfft zurück.
„Ich wollte mir nicht irgendwann selbst vorwerfen, es nicht wenigstens probiert zu haben.“
Kathrin Gössl
Die Erinnerung an früher untermauerte ihre Entscheidung: „Ich hatte immer die Metzgerei im Hinterkopf, stand als Kleinkind im Laufstall mitten drin und half früh begeistert mit.“ Also schrieb sie eine förmliche Bewerbung um einen Ausbildungsplatz als Fleischerin – an ihren Vater. „Das war eher ein kleiner Gag, mit dem ich meinen Eltern den Schritt ausführlich erklärt habe“, sinniert sie schmunzelnd und fügt hinzu: „Ich wollte mir selbst nicht irgendwann vorwerfen müssen, es nicht wenigstens probiert zu haben.“

Aufgrund ihrer schulischen Vorbildung durfte sie gleich ins zweite Ausbildungsjahr einsteigen. Einige Lehrinhalte blieben ihr daher erspart, aber die Zeit fürs Praktische war knapp bemessen. Auch deshalb erschien Katrin Gössl die Lehre beim Vater als ideal. Der erfahrene Lehrmeister wusste überdies, dass sie auch außerhalb der regulären Arbeitszeit würde üben müssen, um das verpasste Ausbildungsjahr aufzuholen - denn die Zwischenprüfung stand ziemlich schnell an. Die Fachtheorie stellte für die angehende Fleischerin zwar kein großes Problem dar, aber um in den praktischen Fertigkeiten fit zu werden, hieß es für sie: üben, üben, üben. Die nur knapp 1,60 Meter große, zierliche junge Frau stand beispielsweise ratlos vor einer etwa ihrer Körpergröße entsprechenden Rinderpistole. Sie gibt zu: „Ich war trotz meiner akademischen Ausbildung plötzlich absolute Anfängerin: ein komisches Gefühl.“

Jeder Handgriff muss sitzen

Weil sie aber – wie Freunde und Bekannte bestätigen – fleißig, diszipliniert und gut organisiert ist, bereitete sie sich konzentriert auf die Abschlussprüfung vor. Gerade die praktischen Aufgaben erlebte sie dort völlig anders als die Examina im Studium: „Da schaut einem keiner beim Schreiben über die Schulter. Man kann auch keine Frage fünf Mal durchlesen und was Falsches wegradieren.“ Vielmehr galt: Jeder Handgriff muss beim ersten Mal möglichst perfekt sitzen, ein unbeabsichtigter Schnitt ist nicht mehr reparabel. Neben exzellenten Ergebnissen kam das nötige Quäntchen Glück dazu, und Katrin Gössl legte entgegen ihrer eigenen Erwartung die beste Prüfung des Jahrgangs 2020 ab. Der Lohn für ihre Mühen: Sie darf ein Jahr lang kostenfrei einen schnittigen, „schön mit Werbung fürs Handwerk bedruckten“ VW up fahren.
Zugmantel - Karriere
(Bild: Dominic Baumann)

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Derzeit unterstützt die junge Gesellin ihren Vater, die beiden angestellten Metzgermeister, den Gesellen und die Hilfskraft in der Produktion. Dort bereitet sie mit Vorliebe das Ladenfleisch zu, sägt Koteletts und Knochen. „Ich versuche aber, mich möglichst breit aufzustellen, wechsle daher immer wieder mal in den Verkauf oder bin im Büro“, sagt Katrin Gössl.

In diesem Jahr möchte die junge Gesellin die Meisterprüfung ablegen – ob in Landshut oder Augsburg steht noch nicht fest. Derzeit kämpft sie noch darum, dass ihr Inhalte aus dem Studium angerechnet werden. Überdies plant sie, in einen anderen Betrieb hineinzuschnuppern.

Katrin Gössl will das Image der fleischerhandwerklichen Ausbildungsberufe mit großem Engagement verbessern: „Unser Handwerk ist nicht so eingestaubt, wie viele meinen. Ich finde es total schade, welche Klischees in den Köpfen herumgeistern.“ Weil viele Jugendliche wenig über die Inhalte wissen, war die Tettnangerin schon in Schulen unterwegs, um die Berufsbilder vorzustellen. Die Verknüpfung von Familie und Beruf ist für sie derzeit noch kein dringliches Thema. Für Selbstständige sei es eine Herausforderung, aber Katrin Gössl sagt selbstbewusst: „Meine Eltern haben das auch hingekriegt, ohne dass mein Bruder und ich einen Schaden davongetragen haben. Organisation ist die halbe Miete.“

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