Marketing Ein Stück Insel für zu Hause

Donnerstag, 26. November 2020
Birgit und Harald Deckena vor ihrer Kochinsel auf Norderney.
Foto: slb
Birgit und Harald Deckena vor ihrer Kochinsel auf Norderney.

Die Wurst- und Schinkenmanufaktur Deckena kreiert Produktnamen wie den Norderneyer Aal, die Insel-Wattwürmer oder die Deichkieker. Das Image der einst klassischen Metzgerei hat die Inhaberfamilie jedoch nicht allein damit vollständig gedreht.
Früher haben sich die Gäste der ostfriesischen Insel Norderney ihre Urlaubsverpflegung selbst mitgebracht. Heute ist das anders. „Mit unseren Produkten aus der Manufaktur nehmen sie sich ein Stück Insel mit nach Hause oder verzehren sie direkt im Ort“, sagt Harald Deckena. Der Inhaber der gleichnamigen Fleischerei bezeichnet sich auch gern als Inselmetzger und fühlt sich dem traditionellen Fleischerhandwerk verpflichtet. Daneben blickt er stets über den Tellerrand hinaus. „Wir haben uns komplett gewandelt“, erzählt er. Neben Fleisch und Wurst bietet sein Betrieb jetzt auch eine Meergenuss-Produktlinie mit Veggie- und Low-Carb-Gerichten sowie Kochkomponenten wie Gewürze oder Saucen an.

In der Branche gibt es zu wenig Marken

Hinter diesen kreativen Ansätzen steckt ein gehobener Anspruch an eine moderne Metzgerei, die sich als Marke versteht. „Ich finde, wir haben viel zu wenig Marken in der Branche“, ist Deckena überzeugt. Ihm und seiner Frau Birgit sei das Ansporn genug gewesen, die bisherige „Schiene“ zu verlassen und „feiner“ zu werden, wie er es beschreibt. Vor etwa 20 Jahren hat das Inhaber-Ehepaar diesen einst klassischen Betrieb, den Haralds Eltern Dietrich und Carola 1960 gegründet hatten, neu erdacht. Am Stammsitz in der Strandstraße war die Aufteilung seinerzeit klassisch: im vorderen Bereich das Geschäft, hinten die Produktion. Geschlachtet wurde schon lange nicht mehr im Betrieb, lediglich das Fleisch der Tiere veredelt, das die Metzgerfamilie vom Festland und aus dem Nationalpark Wattenmeer direkt vom Salzwiesendeich auf der Insel bezieht. „Wir legen Wert auf eine offene Stallhaltung und sind froh, dass die Kälber und Rinder hier weiden können“, bekräftigt Harald Deckena.
„Wir wollen eine exklusive Marke sein.“
Birgit und Harald Eckena.
Die Schlachtung hat er ausgelagert auf das Festland. Dafür haben die von ihm verarbeiteten Tiere zu Lebzeiten „Plattdeutsch gesprochen“, wie er es gern umschreibt. „Wir hatten damals die Idee, etwas mehr anzubieten als nur Fleisch und wollten eine Marke schaffen“, sagt Deckena. Lebensnotwendig sei es zudem gewesen, sich neu zu erfinden. „So sollte es nicht weitergehen“, sagt der heutige Firmenchef von bis zu 30 Mitarbeitern. Er liebt die ständige Weiterentwicklung, auch wenn es „unheimlich viel Arbeit“ sei. „Unsere Tage sind unendlich lang“, resümiert er und hat dabei schon wieder neue Ideen im Kopf.

Zwar sei er stolz, in diesem Jahr den zweiten Platz bei der Wahl „Deutschlands bester Bratwurst“ in der Bild-Zeitung belegt zu haben. Dennoch war es für ihn lediglich ein „Spaß“ und großer „Werbeeffekt“ für die Bratwurst gewesen, die von Produktionsleiter Sven Götze für den Wettbewerb eingeschickt worden war. Einige Gäste hätten ihn schließlich auch auf die Aktion angesprochen. Sie wollten unbedingt seine italienische Tomaten-Bratwurst – eine gebrühte, grobe Wurst aus Schweinefleisch mit 20 Prozent Tomaten, Petersilie, Salz und Gewürze – probieren, die eine Jury nach den Kriterien Aussehen, Konsistenz, Geruch, Geschmack und Mundgefühl bewertet hatte. Diese Wurst sei jedoch nur eines von vielen Produkten, die immer etwas mehr Geschmack haben sollen – getreu dem Firmenslogan „So schmeckt Feinkostfriesland“.

Keine reine Metzgerei, sondern ein Feinkostgeschäft

Diese Philosophie hat längst auch der Juniorchef und Metzgermeister Finn Deckena (26) verinnerlicht, der davon überzeugt ist, dass es nicht funktionieren würde, auf einer Insel wie Norderney „nur eine Metzgerei“ zu betreiben. Die Gäste seien schließlich im Urlaub und erwarteten etwas Besonderes. „Ich sehe uns längst nicht mehr als reine Metzgerei, sondern mittlerweile als Feinkostladen“, sagt er. Er übernimmt in einigen Jahren ein komplett modernes Unternehmen, in das sein Vater jetzt nochmal investieren will. Die Produktion soll aufgestockt und der Betrieb ausgebaut werden. Dafür sucht Harald Deckena derzeit neue Mitarbeiter und plant im kommenden Jahr eine Deutschland-Tour, auf der er weitere Händler finden möchte, die seine Produkte auf dem Festland verkaufen. „Wir liebäugeln mit dem Lebensmitteleinzelhandel und wollen unsere Produkte als kleine exklusive Premiumware vermarkten“, plant Deckena.

Das Sortiment wurde dafür extrem erweitert. Neben dem „Top-Produkt“ Nordsee-Salami, wie der Firmenchef sie nennt, werden klassische Wurst- und Schinkenprodukte hergestellt. Allein die Bratwurst-Auswahl umfasst wöchentlich etwa eine Tonne Wurst. Die Rohwurst wird verpackt unter Produktnamen wie „Deichkieker“, „Inselminis“, „Strandjäger“ oder „Wattwürmer“ als beliebter Snack angeboten. „Bei der Salami haben wir mal mit 30 Kilogramm begonnen und sind jetzt bei etwa zehn Tonnen pro Jahr“, sagt Harald Deckena. Damit bietet die Familie vor allem ein Naturprodukt von der Insel, direkt aus dem Wattenmeer an. In den letzten fünf Jahren habe die luftgetrocknete Salami, die mit Meersalz und einer hauseigenen Gewürzmischung produziert wird und 14 Tage reift, sehr guten Absatz gefunden. Neben der Variante „Natur“ entstanden aufgrund der großen Nachfrage die Sorten „Fenchel“, „Trüffel“, „Sanddorn“, „Parmesan“ und „Walnuss“.

Entwicklung eines vegetarischen Produktsortiments

Daneben etabliert sich die Marke „Deckena“ in den Fachgeschäften auf der Insel und im Online-Shop, mit dem etwa fünf Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet werden, immer mehr mit Veggie- und Low-Carb-Suppen und Salaten, die in der Kochinsel im Gewerbegebiet entstehen. Dorthin wurden in den 70er-Jahren alle Handwerksbetriebe aus dem Stadtkern ausgesiedelt. „Wir entwickeln damit ein vegetarisches Produktsortiment neben unseren Wurstangeboten“, sagt Finn Deckena. Seine Mutter ist die treibende Kraft, entwickelt die Rezepturen und berechnet die Nährwerte der Gerichte, die der gestiegenen Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln gerecht werden sollen. Das Sortiment mit den derzeit 20 verschiedenen Eintöpfen und Suppen soll noch erweitert werden.

„Mittagstisch bieten wir seit 20 Jahren an. Daraus entstand unsere herzhafte Küche, unter der wir Norderneyer Labskaus oder Lammragout vom Salzwiesenlamm anbieten“, sagt Birgit Deckena. Für ihre Suppen kocht sie sogar die Knochen aus der Metzgerei aus und produziert sie mit ihren fünf Mitarbeitern in der Kochinsel. Angeboten werden die Gerichte im Glas und in Frische-Bechern. Außerdem werden hier Kanapees und Büfetts für den Partyservice vorbereitet. „Wir sind ein klassischer Metzger mit einem hohen Anspruch an Spezialitäten“, sagt die Firmenchefin.

Die familiäre Atmosphäre und Innovationsfreude treibe alle im Team an. „Bei uns dreht sich alles um gutes Fleisch und gesunde Lebensmittel“, sagt auch der Juniorchef. Bald will er eine Weiterbildung zum Fleischsommelier beginnen und plant, sich als Ernährungsberater fortzubilden. Wenn sich seine Eltern in ein paar Jahren aus dem Geschäft zurückziehen, soll die Marke weit über die Insel Norderney hinaus Sinnbild für gesunde, feine Lebensmittel und Fleischwaren geworden sein.

Inselmanufaktur Deckena auf Norderney

Die Familie Deckena betreibt seit 1960 ihre Fleischer-Fachgeschäft auf der Nordseeinsel Norderney. Der Stammsitz befindet sich in der Strandstraße; Ende der 70er-Jahre kam die Filiale in der Friedrichstraße hinzu. Im Jahr 1991 übernehmen Harald und Birgit Deckena den Familienbetrieb. Heute arbeitet ihr Sohn, Metzgermeister Finn im Betrieb Deckena, als Juniorchef mit. 2003 kamen die Manufaktur und der Online-Shop in der Friedrichstraße hinzu. Nach umfangreichen Umbauarbeiten erwarben die Deckenas 2009 die Zulassung als EU-Zerlege- und -Produktionsbetrieb – bis dato der einzige auf einer deutschen Nordsee-Insel. Zwischen 2008 und 2010 wurden beide Läden komplett renoviert. Die Deckenas bieten Partyservice an – beim Millenniumsfest im Jahr 2000 wurden 850 Gäste bewirtet.

Mehr Beiträge über Norderney:

Das könnte Sie auch interessieren
stats