Marketing Offenbarung in der Wurstküche

Donnerstag, 23. August 2018
Anstrengendes, aber auch filigranes Handwerk: Junior Philipp Kaiser zerlegt das Hinterviertel einer Färse.
Foto: mkt
Anstrengendes, aber auch filigranes Handwerk: Junior Philipp Kaiser zerlegt das Hinterviertel einer Färse.

Eine etwas andere Art der Öffentlichkeit betreibt die Metzgerei Kaiser im badischen Rheinhausen. „Meet the beef“ heißt die Eventreihe, mit der Metzgermeister und Fleischsommelier Philipp Kaiser für Furore sorgt, und gleichzeitig die viel gerühmten „Synergie-Effekte“ nutzt.

von Kurt Meier

Mit von der Partie bei den Veranstaltungen ist das Haushaltswarengeschäft Ulmer aus dem benachbarten Herbolzheim, Premium-Partner von „Weber-Grill“ Deutschland. Vier Veranstaltungen waren geplant für’s Sommerhalbjahr 2018, nun werden es mindestens sechs bis Ende September – der großen Nachfrage wegen.

Ein sommerlicher Abend in „Kaisers Partyhaus“, dem Eventlokal der Metzgerei unweit des Europaparks Rust. Gerhard und Philipp Kaiser, Inhaber der gleichnamigen Metzgerei begrüßen zwei Dutzend Gäste zum abendlichen Grillevent. Plötzlich gellen Sirenen: Die örtliche Feuerwehr wird zum Einsatz alarmiert. Kurze Absprache zwischen Vater und Sohn, dann entschuldigt sich der Senior und hastet davon. „Wenn’s jetzt ein Gebäudebrand gewesen wäre, wär ich auch weg“, so Philipp Kaiser.

Doch heute klappt’s auch ohne seinen Vater. „Alles rund ums Rind“, verspricht der Junior seinen Gästen in Theorie und Praxis nahezubringen. Mit 89 Euro pro Person ist der Abend nicht gerade ein Schnäppchen, auch wenn Steaktasting, Salatbüfett, Getränke und Desserts inklusive sind. Trotzdem sind die Veranstaltungen ausgebucht. Beworben werden sie über die Kaiser-Homepage sowie mit Plakaten und Flyern in den drei Läden. „Ich hab’s von einer Bekannten gehört, die schon mal dabei war“, sagt eine Besucherin. „Die war total begeistert – und ich hatte gleich die Geschenkidee zum Geburtstag meines Mannes.“ Für den Grillfan „das Top-Geschenk des Jahres“, gesteht dieser strahlend.

Dry Aged in aller Munde: Senior Gerhard Kaiser erklärt die Vorzüge des traditionellen Reifeverfahrens.
Foto: mkt
Dry Aged in aller Munde: Senior Gerhard Kaiser erklärt die Vorzüge des traditionellen Reifeverfahrens.
Es spricht sich vor allem unter den Männern herum, dass man „beim Kaiser was kriegt für sein Geld“. „Darauf setzen wir“, entgegnet Gerhard Kaiser. „Gute Mundpropaganda ist durch nichts zu ersetzen.“ Was sich für die Kaisers auszahlt. Mit ihrem Partyservice sind sie führend in der Region nördlicher Breisgau. Zum Beispiel bei einer Schulabschlussfeier im benachbarten Herbolzheim: Fingerfood für 500 Gäste, aufgebaut auf acht Büfetts, damit’s kein Gerangel unter den Gästen gibt wie schon bei der von Reinhard May ironisch besungenen „Heißen Schlacht am kalten Büfett“. Eine Heidenarbeit war das bereits bei der Vorbereitung, verbunden mit einer einwöchigen Urlaubssperre für die 35-köpfige Belegschaft.

Hat man da noch Lust auf ein Grillevent? „Ja“, bekennt Gerhard Kaiser. „Es ist immer wieder ein tolles Erlebnis – auch für uns. Es macht Riesen-Spaß mit den Leuten.“ Was er meint, wird schnell klar: Die Atmosphäre ist locker, Gastgeber und Gäste sind ruckzuck beim vertrauten „Du“. Zum Begrüßungsdrink gibt’s einen Willkommenssnack. Selbstgemachte Merguez-Würste, nach original französischen Rezepturen gewürzt, und verschiedene Burger legt Gabriel Eichhorn auf den Grill. Der 18-jährige Azubi ist bei jedem Grillabend dabei, assistiert seinem Chef, wird aber auch selbst tätig. Diese Erfahrungen, der Kontakt zu Kunden und Gästen, sind ihm wichtig. In seiner Berufsschulklasse ist er fast der Einzige mit solch einem zusätzlichen Erfahrungsschatz.

„Die Ausbildung zum Fleischsommelier hat mir viel gebracht“, gesteht Philipp Kaiser. Auch wenn man Vieles schon mal in der Ausbildung oder im Meisterkurs gehört habe: „Man wird einfach noch mehr sensibilisiert“, findet er.
Die besten Stücke für den Grill: Die anschließende Verkostung ist für viele Teilnehmer eine Offenbarung.
Foto: mkt
Die besten Stücke für den Grill: Die anschließende Verkostung ist für viele Teilnehmer eine Offenbarung.
Davon profitieren nicht nur Azubi Gabriel, sondern auch die Besucher von „Meet the beef“. Nach dem Snack geht’s für eineinhalb Stunden in die Produktionsräume: Ausgestattet mit Schutzkleidung und Kopfbedeckung erleben sie hautnah, was das Fleischerhandwerk ausmacht und erhalten eine vertiefte, intensive Warenkunde. Philipp Kaiser zerlegt das Hinterviertel einer Färse und erläutert, welche Teilstücke wie zubereitet werden können. Was sind T-Bone-Steaks? Tafelspitz als Grillgut – das geht wirklich? Auch so ein Geheimtipp, den der Fleischsommelier auf Lager hat. Mit seinem Vater, der mittlerweile wieder dazu gestoßen ist, holt er ein Prachtexemplar von einem am Knochen gereiften Fleischstück aus der Kühlung. „Seit zwei Monaten hängt es schon in der trockenen Kälte“, erläutern die Beiden stolz.

Der Blick hinter die Kulissen beeindruckt die Besucher. Trotz aller Maschinen und Hilfsmittel ist die Zerlegung eine körperlich anstrengende, aber auch filigrane Handarbeit. Ein Teilnehmer stellt fest: „Ich kapiere jetzt erst richtig: Das Rumpsteak für 1,95 Euro aus dem Supermarkt kann nichts Gescheites sein.“ Die Kaisers beziehen ihr Vieh von Bauern aus dem näheren Umkreis. Der regionale Einkauf sichere das Auskommen der örtlichen Landwirte. „Wenn wir diese Strukturen zerstören, geht unserer Region ein Stück Identität verloren“, verdeutlicht Philipp Kaiser die Zusammenhänge.

Nach der Fleischkunde folgt die Praxis: Vor dem Partyhaus sind vier verschiedene Grillgeräte aufgebaut. Und schon ist man mittendrin im Fachgespräch: Was ist besser: Grillen mit Gas, elektrisch oder mit Holzkohle? Was ist ein Smoker und wofür braucht man ihn? Hierfür liefert Philipp Ulmer vom Haushaltswarengeschäft die Antworten.
„Veranstaltungen mit Kunden sind das Salz in der Suppe unseres Berufsalltags.“
Gerhard und Philipp Kaiser
Die Verkostung wird für die Teilnehmer zur Offenbarung. Viele bekennen, dem Naturprodukt Fleisch jetzt noch mehr Achtung entgegenzubringen, dem Beruf des Fleischers ebenfalls. „Metzger müssen echt was drauf haben“, lautet die Erkenntnis. Der enge Kundenkontakt zahlt sich für die Kaisers aus. „Man bekommt dann auch mal gesagt, was bei uns gut ist und was weniger gut läuft“, meint Gerhard Kaiser. „Solche Veranstaltungen sind das Salz in der Suppe unseres Berufsalltags.“

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