Unternehmensnachfolge Frisches Blut sichert die Zukunft

Dienstag, 05. Februar 2019
Katrin Meinig unterstützt David Jopke im Verkauf. Allzu forsche Sortimentsumstellungen will der neue Inhaber aber nicht tätigen.
Foto: fl
Katrin Meinig unterstützt David Jopke im Verkauf. Allzu forsche Sortimentsumstellungen will der neue Inhaber aber nicht tätigen.

Während Katrin Meinig einen Nachfolger für ihren Familienbetrieb sucht, hegt David Jopke den Traum von der Selbstständigkeit.

Gut ein Jahr ist es her, dass Katrin Meinig beschloss, beruflich kürzer zu treten. Knapp 20 Jahre leitete die Fleischermeisterin im sächsischen Borna den familiären Handwerksbetrieb. „Ich wollte wieder mehr Zeit haben für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind – sowohl im Beruf, als auch im Privaten“, sagt die 58-Jährige. Dabei möchte sie sich keinesfalls zur Ruhe setzen, sondern die Firmenleitung in jüngere Hände legen. Nur ist ein weiterer Generationswechsel innerhalb der Familie nicht möglich. Obwohl ihre Patchwork-Familie acht Kinder zählt, haben diese andere Berufswege eingeschlagen. So endet nach mehr als 100 Jahren mit Katrin Meinig als vierte Generation die familiäre Linie innerhalb des Betriebs. Und dennoch ist die Zukunft der stadtbekannten Fleischerei Meinig gesichert.

Ein Zufall führte sie zusammen

In David Jopke fand die engagierte Geschäftsfrau einen geeigneten Nachfolger. Das beide zusammenfanden, ist größtenteils dem Zufall zu verdanken – beziehungsweise einem aufmerksamen Handelsvertreter. „Meine Gedanken über die geplante Firmenabgabe hatte ich zunächst nur im kleinen Kreis geteilt. Darunter war auch der Vertreter“, berichtet Meinig. „Mir ging es ähnlich“, ergänzt Jopke. „Ich wollte mich beruflich weiterentwickeln und habe mich daher bei Kollegen aus der Branche umgehört.“ Und so fungierte der Vertreter als wohlwollender Vermittler. Der 37-jährige Jopke lebt mit seiner Familie im etwa 30 km entfernten Grimma. Angestellt war er rund zwei Jahrzehnte lang im auf halber Strecke liegenden Bad Lausick.

„Mit dem Meistertitel in der Tasche hat man schon gewisse Ambitionen. Schließlich möchte man nicht sein ganzes Berufsleben lang als Geselle arbeiten“, sinniert der Neu-Inhaber. Jedoch schreckten ihn stets die hohen Anfangsinvestitionen davor ab, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „Insbesondere im Fleischerhandwerk liegen die Hürden für junge Unternehmensgründer sehr hoch. Es gibt momentan kaum Fördermittel, die den Aufbau eines eigenen Betriebs samt der kostspieligen Grundausstattung für Produktion und Verkauf ermöglichen“, bedauert Meinig. Ein Umstand, den sie angesichts des hohen Fleischerei-Sterbens in Deutschlands nicht nachvollziehen kann.

2017 gaben nach Angaben des Deutsche Fleischer-Verbands (DFV) insgesamt 437 fleischerhandwerkliche Betriebe auf. In den meisten Fällen waren fehlende Nachfolger der Grund. In der Bornaer Königsstraße konnte dieses Szenario gerade noch abgewendete werden. Auf gut ein halbes Jahr haben die beiden Fleischermeister die Übergangsphase angelegt. Im vergangenen September stieg Jopke mit in den Betrieb ein. „Entscheidend war, dass die Chemie zwischen uns von Anfang gestimmt hat“, unterstreicht Meinig. Auch in puncto Geschäftsausrichtung waren sie auf einer Wellenlänge. So soll das Sortiment zunehmend stärker auf regionale Erzeugnisse ausgerichtet werden. Hier legte Meinig, die sich bisher hauptsächlich um die Produktion kümmerte, bereits den Grundstein.
„Die regionale Schiene wird kontinuierlich ausgebaut. “
David Jopke, Fleischermeister
Von einem Agrarbetrieb aus dem sächsischen Muldental bezieht der Betrieb Bunte Bentheimer Landschweine sowie Geflügel aus artgerechter Haltung. Die Tiere werden mit selbst erzeugtem Futter aufgezogen und ohne lange Transportwege stressfrei geschlachtet. Bisher gibt es die Produkte aus dieser regionalen Schiene jeweils eine Woche pro Monat. Perspektivisch soll dieser Rhythmus durch die Ausweitung des Erzeugernetzwerks kontinuierlich gesteigert werden. Überdies sollen noch Partner für Rindfleisch und Wild hinzugewonnen werden.

Inzwischen hat David Jopke das Zepter in der Produktion übernommen. Gemeinsam mit einem Gesellen stellt er nach bewährter Unternehmenstradition nahezu alle Waren selbst her. „Am Grundsortiment habe ich bisher kaum etwas verändert. Nur punktuell wurden einzelne Produkte ausgetauscht“, erklärt der Grimmaer. Insbesondere in einer kleineren Stadt wie Borna können allzu forsche Sortimentsumstellungen schwerwiegende Folgen für das Geschäft haben. „Ich kenne Fälle, in denen solch ein Versuch zum Ende der Firma geführt hat, da die Stammkundschaft den neu eingeschlagenen Weg nicht mitgegangen ist“, gibt Katrin Meinig zu bedenken.

Chef muss auch im Laden stehen

David Jopke hat sich mindestens für das erste Jahr andere Prioritäten gesetzt. So will er zunächst die verantwortungsvolle Tätigkeit des Geschäftsführers vollkommen verinnerlichen. Fünf Angestellte, einschließlich Katrin Meinig, sind ihm nun unterstellt. Bis auf wenige Ausnahmen sei er mit den Aufgabenbereichen eines Unternehmens bestens vertraut. Lediglich der Verkauf sei Neuland für ihn gewesen. Generell fühlt er sich in der Produktion wohler als hinter der Theke, doch Meinig weiß aus Erfahrung, was die Grundlage für eine intensive Kundenbindung schafft: „In einem Betrieb unserer Größe ist es von Vorteil, wenn der Chef regelmäßig im Laden steht. Er verkörpert das Unternehmen wie kein anderer.“

Katrin Meinig ist eine Frau klarer Worte. Ihre Meinung hält sie selten hinterm Berg. Gleichzeitig fordert sie auch von ihrem Team Offenheit im gemeinsamen Austausch: „Mir ist es nicht wirklich schwer gefallen, David Jopke als neuen Chef zu akzeptieren. Wichtig ist mir nur, dass wir über alle Themen konstruktiv sprechen können.“ Beide unterstützen sich gegenseitig nach Kräften. So müsse Familienvater Jopke bei Catering-Aufträgen am Abend oder Wochenende nicht zwingend aus Grimma herüberkommen. Dem Partyservice, mit dem rund ein Drittel des Umsatzes erwirtschaftet wird, gilt nun Meinigs berufliches Augenmerk. Privat freut sie sich hingegen über die hinzugewonnene Zeit, die sie gern verstärkt ihren zehn Enkeln widmen möchte.

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