Afrikanische Schweinepest: Unerhört und allei...
Renate Kühlcke
Afrikanische Schweinepest

Unerhört und alleingelassen

Donnerstag, 22. September 2022

FRANKFURT Die Ton- und Gangart der politischen Leitungsebene in Krisenzeiten.

Es war eine Frage der Zeit, dass die Afrikanische Schweinepest (ASP) hier ankommt, egal ob über Wildschweine oder durch Menschen eingetragen. Seit fünf Jahren gibt es Vorbereitungstreffen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, intensive Gespräche mit Schlachthöfen und dem Lebensmitteleinzelhandel. Alle haben Zusagen und Versprechen gegeben, dass sie im Fall der Fälle helfen wollen. Nun aber ist die Krisensituation da und die eingangs vermittelte Einschätzung, dass der GAU ganz ordentlich gemanagt werde, weicht tiefer Ernüchterung.

In der ASP-Überwachungszone wachsen die Schweine aus den Ställen, da ihr Fleisch eben doch nicht partnerschaftlich vermarktet werden kann und es sich Schlachtbetriebe – marktwirtschaftlich verständlich – gerade in diesen inflationären Zeiten finanziell nicht leisten können, in Vorleistung zu gehen. Die Forderung, der Staat soll einspringen und – wie in den 1990er Jahren zu Zeiten der klassischen Schweinepest bewährt – als Lagerhalter einspringen, ist nicht zu überhören – bleibt aber trotz der Tierschutzdramatik unerhört.

Dem politischen Versprechen „Wir lassen niemanden alleine“ mag in der Fleischbranche niemand vertrauen. Alleingelassen mit Ideen, wie Viehställe zu Streichelzoos umgewandelt werden sollen, beschleicht die Marktbeteiligten das Gefühl, der Politik – besser den Politikern – spielt die Krisensituation der ungeliebten tierhaltenden Landwirtschaft in die Hände. Dass dabei der Familienbetrieb auf der Strecke bleibt, den man doch eigentlich erhalten will – geschenkt. Hauptsache weniger Tiere in weniger Ställen, das hilft „gutes Fleisch aus Deutschland“ auf den Teller zu bringen – so der simple wie einfältige Ansatz einer Strukturreform, die ihresgleichen sucht.

Dabei ziehen düstere Zukunftsszenarien auf, angesichts der sich zuspitzenden Nichtbeachtung wirtschaftlicher Zwänge im wichtigsten Wirtschaftszweig der deutschen Ernährungsindustrie. Der Strukturbruch, der vor allen Dingen in der Ferkelerzeugung eingetreten ist, führt unweigerlich dazu, dass die Fleischverarbeiter in immer stärkerem Maße auf Fleischimporte angewiesen sind, um ihre Kapazitäten auszulasten. Ihnen fehlt ihr wichtigster Rohstoff, deutsche Schlachtschweine.

Unabhängig von der sich abzeichnenden Zielsetzung verärgern Ton- und Gangart der neuen politischen Leitungsebene in Berlin zusehends. Seit Amtsantritt des Bundesministers für Landwirtschaft und Ernährung steht eine persönliche Begegnung mit Verbandsvertretern aus, eine so offensichtliche Nicht-Beachtung ist beispiellos. Indirekt ist wohl wahrzunehmen, dass das Ende der Tierhaltung nicht die Vision der Grünen sei und zur Kreislaufwirtschaft in der Landwirtschaft auch die Tierhaltung gehöre, wenn es denn um Özdemirs Gemüse geht. Eine Erkenntnis, die es verdient, im direkten Gespräch mit belastbaren Fakten aus der Praxis aufgeladen zu werden.

Quelle: Fleischwirtschaft 9/2022
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