Energiekrise: Handwerksbetriebe werden schlic...
Sybille Roemer
Energiekrise

Handwerksbetriebe werden schlicht vergessen

Dienstag, 06. September 2022

FRANKFURT Schaut sich der Fleischermeister die bevorstehende Zeit an, könnte er zu dem Schluss kommen, dass sich alles gegen ihn verschworen hat.

Wo er während der Pandemiezeit noch systemrelevant war, ist er es nun scheinbar nicht mehr. Quasi über Nacht scheinen nur noch die Betriebe im politischen Fokus zu sein, die über eine entsprechende Größe verfügen. Die Ukraine-Krise zeigt in all ihren Auswirkungen, wie sensibel auch Handwerk und Mittelstand in puncto Energiepreissicherheit, Teuerungsrate und Kaufkraft sind. Und wie wenig die Politik mit diesen wirtschaftlich relevanten Unternehmen anfangen kann. In keinem der inzwischen drei Entlastungspakete kommt das Wort Handwerk vor. Im aktuell dritten Paket werden zumindest einmal „kleine und mittelständische Unternehmen“ erwähnt, für die wie bei Haushalten die „Strompreisbremse mit Entlastungswirkung“ greift, wenn sie denn einen Versorgertarif haben.


Und auch die vorweggenommenen Transformationsbemühungen zu mehr Nachhaltigkeit und Tierwohl stehen nun diametral dem Verbraucherwunsch entgegen, plötzlich preiswerter einkaufen zu müssen. Da schert schon so manche Einzelhandelskette und Discounter aus und verkündet neue Preisoffensiven, die nicht nur den bereits strauchelnden Erzeugern weiteren unnötigen Druck machen, sondern allen Bemühungen des Lebensmittelhandwerks zuwiderlaufen. Tierwohl und Transformationsanstrengungen sind plötzlich keine Investitionen in eine nachhaltige Zukunft, sondern Teile der Negativbilanz von Betrieben. Die Politik schweigt, da hier zentralisierte Marktmacht die neue Richtung vorgibt.

Natürlich muss der Verbraucher wissen, woher sein Fleisch kommt. Und da ist das geplante Gesetz zur Tierwohlkennzeichnung eine der Maßnahmen, mit denen sich das Fleischerhandwerk notgedrungen auseinanderzusetzen hat. Dass dabei handwerksgerechte Lösungen für die Angebote an der Bedientheke aber gar nicht angedacht wurden und dass ausländische Anbieter freiwillig daran teilnehmen können, hat mit marktwirtschaftlicher Gerechtigkeit nichts mehr zu tun.

Es sind zurzeit einfach zu viele Fronten, an denen das Fleischerhandwerk zu kämpfen hat. Ja, an denen sich das gesamte Lebensmittelhandwerk abarbeiten muss, statt aktiv mitarbeiten zu dürfen. Italien sperrt sich gegen die Nutri-Score-Nährwertkennzeichnung, ein königliches Dekret sorgt für flächendeckenden Einsatz von Videokameras zur Überwachung des Tierschutzes in spanischen Schlachthöfen. Miteinander gemein ist beiden Seiten, dass hier nationale Interessen vorgehen, während man in Deutschland den Eindruck gewinnen kann, dass alles, was Handwerk und Mittelstand schaden kann, zumindest angedacht wird.
„Wenn hier nicht bald entscheidende Signale für das Handwerk kommen, wird man nicht nur die Früchte einer völlig verfehlten neoliberalen Wirtschaftspolitik ernten, sondern auch reaktionären Forderungen Tür und Tor öffnen.“
Sybille Roemer, Redakteurin
Und wenn hohe Inflation und die Unsicherheit wegen der Corona-Lage in diesem Herbst deutlich auf die Verbraucherstimmung im Land drücken, ist der daraus zu erwartende Konsumverzicht auch nur mit erheblichem Aufwand zu bewältigen. Damit dies gelingen kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen – und diese werden naturgemäß durch die Politik vorgegeben.

Wenn hier nicht bald entscheidende Signale und Vorgaben für das Handwerk kommen, wird man nicht nur die Früchte einer völlig verfehlten neoliberalen Wirtschaftspolitik ernten, sondern auch reaktionären Forderungen Tür und Tor öffnen. Wirtschaftspolitik ist und war immer auch im Vorgriff der Ausdruck gesellschaftlicher Tendenzen.
Was da auf uns zurollt, hat das Potenzial, diese Gesellschaft zu spalten. Die durch die Inflation zu erwartenden steigenden Umsatzsteuereinnahmen bei gleichzeitig real sinkenden Schulden, sind auch in diesem Zusammenhang nur eine Milchmädchenrechnung. Und dass die Politik das Handwerk schlicht vergisst, ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die mit viel Herzblut maßgeblich zum Wohlstand dieser Republik beitragen.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 36/2022
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