Ernährungssicherung: Schwarz-Weiß-Denken hilf...
Gerd Abeln
Ernährungssicherung

Schwarz-Weiß-Denken hilft nicht

Montag, 25. April 2022

FRANKFURT Die Wirtschaft braucht Spielräume für Produktivitätssteigerungen.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine bringt in diesen Wochen nicht nur die Außen-, Sicherheits- und Energiepolitik vieler Länder aus dem Gleichgewicht, auch das Thema Ernährungssicherheit ist mit einer Dramatik wieder auf der weltpolitischen Tagesordnung angekommen, mit der wohl nur manche Experten und einige Pessimisten gerechnet hätten. Dabei hatte in den letzten Jahrzehnten der globale Handel mit Agrargütern große Fortschritte bei der Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung ermöglicht – und dass bei global steigendem Fleischkonsum.

Doch mancherorts soll dieser steigende Fleischkonsum jetzt zurückgefahren werden, um die Ernährung zu sichern, das Klima zu retten oder gar Putin zu stoppen, wie es der deutsche Bundeslandwirtschaftsminister und seine Kollegin aus dem Umweltministerium ins Gespräch gebracht haben. Die Ansage der „grünen“ Minister ist aber pauschal und vereinfacht. Die Zusammenhänge sind komplexer, als dass man sie auf eine derart simple Formel runterbrechen könnte. Schließlich kann Getreide für Schweine und das Grasfutter der Rinder nicht direkt auf dem Teller des Verbrauchers landen. Zudem gibt es einen großen Teil des Futters, der für den Menschen gar nicht nutzbar ist. Und nicht zuletzt wird die Bedeutung der Tierhaltung für den Pflanzenbau angesichts der aktuellen Mineraldüngerknappheit sichtbar wie selten zuvor. Tierhaltung ist ein wichtiger Teil der Kreislaufwirtschaft. Und bei Fleisch handelt es sich um ein ganz besonderes Lebensmittel, das eine höhere Nährstoffdichte und mehr hochwertiges Eiweiß aufweist als alle anderen.

Schwarz-Weiß-Denken hilft in diesen beunruhigenden Zeiten nicht weiter, das Ausspielen einer Option gegen eine andere ebenfalls nicht. Vegan leben versus Fleisch essen? In Summe entstehen in der Landwirtschaft mit jedem Kilogramm veganem Lebensmittel mindestens vier Kilogramm nicht-essbare Biomasse. Nur Nutztiere sind in der Lage, diese zu verdauen und so wertvolles Fleisch und gehaltvolle Milch zu erzeugen. Während die einen den Ausstieg aus der Nutztierhaltung propagieren, setzen andere auf dessen Spezialisierung und technischen Fortschritt. Es gibt Konflikte zwischen ökologischen und ökonomischen Zielen, zwischen Nahrungsmittelversorgung und dem Erhalt der Biodiversität. Auch hier gibt es keine einfachen Lösungen, vielleicht noch nicht einmal den „goldenen Mittelweg“.

Umso wichtiger bleibt es, einen gemeinsamen Weg zu suchen, der nicht nur den Staaten eine friedliche Koexistenz ermöglicht, sondern auch den Wirtschaftsbeteiligten Spielräume für Produktivitätssteigerungen zum Wohle aller lässt. Das funktioniert nicht ohne globalen Handel und offene Märkte. Ob eine Spezialisierung bis ins kleinste Detail dabei nötig ist und komparative Kostenvorteile in jedem Winkel der Welt ausgenutzt werden müssen, steht dabei nicht erst nach der Unterbrechung von Lieferketten durch die Corona-Krise und dem Ukraine-Krieg auf dem Prüfstand.
DIE THEMEN DER FLEISCHWIRTSCHAFT 4/2022

Die April-Ausgabe enthält unter anderem folgende weitere Beiträge: „Gestörte Lieferketten sind die größte Herausforderung“ Interview: IFFA-Beiratsvorsitzender Klaus Schröter zur Marktposition der Hersteller von Fleischverarbeitungsmaschinen

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Quelle: Fleischwirtschaft 4/2022
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