Fachkräftesicherung: Neues Denken für die Aus...
Jörg Schiffeler
Fachkräftesicherung

Neues Denken für die Ausbildung

Dienstag, 02. August 2022

FRANKFURT Die Flaute am Ausbildungsmarkt ist für das Fleischerhandwerk ebenso wenig ein Novum wie für die spezialisierten Unternehmen in der Schlachtung und Zerlegung, in der Wurstherstellung, im Fleischgroßhandel oder an den Bedientheken des Lebensmitteleinzelhandels. Die große Leere bei der Lehre gehört dennoch zwingend in den Fokus von Unternehmen und Politik. Es muss sich etwas ändern!

Das alljährliche Klagen über zu wenig Azubis ist zu wenig im Wettstreit um junge Nachwuchskräfte. Die Ausbildung muss attraktiv sein und Zukunftsperspektiven bieten. Da kann das Handwerk locker mithalten. Gesellschaftliche Gesamtaufgabe ist es anzuerkennen, dass sich eine Ausbildung lohnt – das war immer so und wird so bleiben. Die Lehre ist das Fundament, auf dem sich alle weiteren Bausteine der Aus- und Weiterbildung aufbauen. Das sollte unbedingt in das Weiterbildungsprogramm von Lehrerinnen und Lehrern, denen wir unsere Kinder anvertrauen. Es ist gut, wenn sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Es kann aber nicht sein, dass immer mehr Schulabsolventinnen und Schulabsolventen ein Studium anstreben. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht so viele Studentinnen und Studenten die Hochschule oder Uni schmeißen würden. Es läuft etwas schief.

Die Fachkräfte von morgen wissen oft noch nicht, was sie beruflich einmal machen möchten. Sie sind sich aber ziemlich sicher, was für sie auf keinen Fall in Frage kommt. Jugendliche sollen sich ausprobieren, rät da Professor Bernd Fitzenberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Das ist deshalb wichtig, weil die Wunschvorstellungen der jungen Menschen oft nicht zu den Anforderungen von Berufsbild und Betrieb passen. Arbeitgeber und Ausbilder müssen sich also zwingend auf eine ganz neue Generation „einlassen“.

Zum Wehklagen der fleischerhandwerklichen Unternehmen gesellen sich immer wieder die Rufe nach Werbekampagnen für ihre Berufe. Das ist eine Herausforderung, die Innungen, Verbände und Handwerkskammern kaum lösen können. Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, dass die Gremien in den meisten Fällen basisdemokratisch zur Abstimmung bringen, was Agentur und Co. auf die Beine stellen sollen. Viele Delegierte und Ehrenamtler wissen dann, wie es besser geht. Das ist ähnlich problematisch wie der Schiedsrichter auf dem Feld und die vielen Tausenden auf den Plätzen in der Fußballarena. Hinzu kommt, dass das Fleischerhandwerk im Tauziehen um die besten Talente nicht mit den Mega-Etats der großen Einzelhändler mithalten kann. Was also tun?
„Die Fleischerberufe bieten Raum für Zukunft. Das muss man jungen Menschen vermitteln.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Dirk Ludwig machte im Interview mit dem Hessischen Rundfunk (hr) keinen Hehl daraus, dass er jedes Jahr vier Auszubildende bräuchte. Immerhin kann der Metzgermeister sich über einen Aspiranten freuen. Umdenken musste auch er, der den Familienbetrieb in Schlüchtern gemeinsam mit seiner Ehefrau führt. Der Lehrherr lockt mit einfacher Bewerbung per Messenger-Dienst. Fruchtet das Gespräch, schaut man weiter. Die Hürde muss niedrig sein. Ein Tablet allein lockt noch niemanden hinter dem Ofen hervor. Wer sich bei Ludwig besonders engagiert, dem spendiert der Meister einen Gutschein für Turnschuhe. Das kann auch eine Weiterbildung sein. 

Ludwig inszeniert Fleisch als cooles Lifestyle-Produkt und setzt dabei vor allem auf Social-Media-Kanäle wie Instagram. Eben dort, wo die Jugend unterwegs ist. Damit setzt er direkt einen Kontrapunkt zu den Horrormeldungen verrohter Fleischer, die Tiere quälen oder Aufnahmen von Ekelfleisch. Derartige Bilder und der angebliche Hype um fleischfreie Alternativen lassen junge Menschen eine Zukunft im Fleischerhandwerk in Frage stellen.

Dabei gehört Fleisch zur DNA des Menschen. Es ist aus einer ausgewogenen Ernährung nicht wegzudenken. Auch wenn der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch und Wurst zuletzt sank, so kaufen doch nahezu alle Haushalte genau diese Produkte ein. Das bietet Raum für Zukunft, wenn die Betriebe dem Fachkräftemangel entkommen.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 31/2022
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