Haltungskennzeichnung: Höchste Zeit für den g...
Steffen Bach
Haltungskennzeichnung

Höchste Zeit für den großen Wurf

Dienstag, 21. Juni 2022

FRANKFURT Mit dem Vorschlag, die Haltungskennzeichnung für Schweinefleisch an das bei Eiern bewährte System anzulehnen, hat Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir grundsätzlich den richtigen Weg eingeschlagen.

Die grobe Einteilung in fünf Kategorien bietet dem Verbraucher einerseits schnell eine Orientierung, lässt Produzenten und Vermarktern aber auch genug Spielraum für eigene Programme und Marken. Ein Grund für den Erfolg der Eierkennzeichnung war die Verständlichkeit. Unter Käfig-, Boden- und Freilandhaltung kann sich jeder Laie etwas vorstellen. Ob das bei den für die Schweine vorgesehenen Stufen Stall+Platz, Frischluftstall und Auslauf/Freiland auch der Fall ist, muss sich zeigen. Hier ist noch einiges an Aufklärungsarbeit notwendig.

Eine Lehre muss man aber aus den Erfahrungen mit den Eiern ziehen: Eine Kennzeichnungspflicht, die sich auf das unverarbeitete Erzeugnis beschränkt, führt zu einem geteilten Markt und schwächt die einheimischen Produzenten. Tierwohl findet dann nur im Supermarkt statt, während in Industrie und Gastronomie weiter die billigere Ware aus den niedrigsten Haltungsstufen dominiert, die in der Regel importiert wird. Deshalb ist es entscheidend, dass die Kennzeichnung sofort für alle Vertriebswege vorgeschrieben wird.
„Die Kennzeichnung des Tierwohls muss für alle Vertriebskanäle gelten.“
Steffen Bach, Redakteur
Die Absatzmengen im Lebensmitteleinzelhandel sind zu gering, um allen Erzeugern die Möglichkeit zu bieten, ihre Schweine mit mehr Tierwohl zu vermarkten. Ohne die Einbeziehung des Außer-Haus-Verzehrs und der verarbeiteten Lebensmittel wird die Fleischkennzeichnung nur Stückwerk bleiben. Wenn Politiker nun beschwichtigen, die Kennzeichnungspflicht für Frischfleisch sei nur ein erster Schritt, klingt das wenig vertrauenswürdig. Ähnlich wurde vor 20 Jahren bei den Eiern argumentiert – mit dem bekannten Ergebnis. Wer flächendeckend mehr Tierwohl fordert, muss auch den flächendeckenden Absatz des Tierwohlfleischs unterstützen. Alles andere ist Heuchelei. Jetzt ist die Gelegenheit für den großen Wurf, auf den die Schweinehalter mit wachsender Ungeduld warten.

Lesen Sie auch den Kommentar „Verlieren wir nicht noch mehr Zeit“ von afz-Chefredakteur Jörg Schiffeler.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 25/2022
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