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Sybille Roemer
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Man kommuniziert immer auch für die gesamte Branche

Dienstag, 17. Januar 2023

FRANKFURT Wer Kunden erreichen, von seinem Handwerk und den hochwertigen Produkten begeistern will, beginnt mit Geschichten, mit Themenangeboten und vor allen Dingen mit Inhalten.

Der Kunde von heute kauft in den seltensten Fällen ein Pfund gemischtes Hack, sondern er tut dies, weil er es von Kindesbeinen an an diesem Ort gemacht hat, weil hier das Preis-Qualitäts-Verhältnis stimmt oder weil mit dem angebotenen Fleisch eine Story verbunden ist, die vielleicht von Tierwohl, von Nachhaltigkeit, von Bio, von Regionalität und/oder von handwerklicher Tradition handelt.

Mit der Zeit gehen bedeutet aber eben auch, sein Augenmerk solcherart auf Standort, Kundenverhalten und Kundenveränderungen zu legen, dass die Geschichte des eigenen Handwerksbetriebs „zukunftssicher“ weitererzählt werden kann.

Besonders in Großstädten sind Lieferdienste und Außer-Haus-Konzepte inzwischen genauso gefragt wie die gute, vertrauenswürdige regionale Geschichte hinter den einzelnen Produkten und dem Meisterbetrieb. Ein Lebensmittelhandwerker kann dies nutzen und sich der jeweiligen Zeit so anpassen, dass die eigene Identität und Marke nicht darunter leiden. Diese müssen, aber können sich auch immer weiterentwickeln – wie das Fleischerhandwerk seit Jahrhunderten immer wieder unter Beweis stellt.

Wenn ein im Stadtteil gut eingebundenes Unternehmen wie etwa die Traditionsmetzgerei in Frankfurt-Höchst überraschend schließt, ist das grundsätzlich schade. Dies allerdings in zahlreichen örtlichen Medien mit geändertem Kundenverhalten, zu hohen Auflagen sowie der schlechten verkehrstechnischen Anbindung, sprich Parkplätze, zu begründen, greift zu kurz und hört sich danach an, die eigenen unternehmerischen Fehler nicht allzu sehr reflektieren zu wollen.

Denn wer kommuniziert, dass „die Umstände“ keine andere Lösung zulassen, als die Traditionsmetzgerei zu schließen, setzt Signale, die einer ganzen Branche schaden können. Besonders, wenn man als Obermeister einer Innung vorsteht und somit für das gesamte Fleischerhandwerk der Region spricht. Denn dann geht es immer auch darum, den Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu zeigen, wie man über den eigenen Betrieb hinaus förderlich kommuniziert – auch und gerade, wenn es um das eigene Scheitern geht.

Die Eloquenz des Firmengründers nebst aller guten Geschichten, die aus diesem Umfeld produziert wurden und mit dem Fortführen des Catering- und Seminarangebots vermutlich auch künftig weiter produziert werden, dürfen nicht dazu führen, dass man verallgemeinert. Man darf sein eigenes Kommunikationsversagen nicht in die populistische Botschaft ummünzen, dass der Einkauf in einer klassischen Metzgerei nicht mehr zu den Gewohnheiten der Menschen am Standort oder im Stadtteil gehört.

Das greift zu kurz und stimmt auch nicht. Zwar beträgt der Rückgang der bundesweit erfassten Betriebsstätten des Lebensmittelhandwerks laut BBE Handelsberatung seit 2015 rund neun Prozent. Doch die Gründe dafür sind vielfältig und nicht selten auch persönlicher Natur.

Keiner sagt, dass es 2023 einfach ist, als Unternehmer im Fleischerhandwerk zu bestehen. Aber auch in der anspruchsvollen Gemengelage von heute kann sich eine klassische Metzgerei nach wie vor im Konsumentenumfeld behaupten. Dies zeigen tausende Betriebe jeden Tag. Sie passen sich der Zeit und an den geänderten Konsumgewohnheiten an – und diskreditieren nicht den eigenen Berufsstand aus einem Reflex heraus.

Sonst wären dies schlimme Nachrichten für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für den Betrieb, für die Kundinnen und Kunden und vor allen Dingen für die Story des Berufsstands, die sich negativ konnotiert in den Köpfen festsetzen könnte.

Denn mit der Zeit zu gehen, ist nichts Verwerfliches. Schon gar nicht für einen Traditionsbetrieb.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 3/2023
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