Lebensmittelpreise: Quadratur des Kreises
Gerd Abeln
Lebensmittelpreise

Quadratur des Kreises

Montag, 17. Januar 2022

FRANKFURT Alle Jahre wieder geht es um die „richtigen“ Fleischpreise.

Nicht nur das Vorhaben der EU-Kommission, Kernenergie und Erdgas als grüne Übergangstechnologien einzustufen, ist in Deutschland auf ein unterschiedliches Echo gestoßen. Die durch ein Interview mit dem neuen Bundesagrarminister Cem Özdemir angestoßene Diskussion um „Ramschpreise“ bei Lebensmitteln, insbesondere bei Fleisch, ebenfalls. Der neue Minister will die Quadratur des Kreises erreichen: „Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima. Das will ich ändern“, wird Özdemir zitiert.

Kaum eine Interessengruppe, die angesichts der explosiven Mischung von Ernährung und Preisen hinter dem Berg hielt. Während sich die Landwirte finanzielle Kompensationen für den Umbau von Ställen mit mehr Tierwohl wünschen, fordern Wohlfahrtsverbände solche für Hartz-IV-Empfänger und verweisen so auf die sozialen Dimensionen höherer Fleischpreise. NGOs appellieren, die Mehrwertsteuer bei Fleisch an den regulären Satz von 19 Prozent anzupassen. Die Förderung für eine verbesserte Haltung der Tiere über eine Steuer oder Abgabe sollen jene Verbraucher bezahlen, die Fleischprodukte konsumieren. An Forderungen aus dieser oder jener Klientel und an Ankündigungen aus der Politik hat es bislang nie gefehlt. Die Tierhaltungskennzeichnung oder das Tierwohl waren auch schon bei Özdemirs Vorgängern brisante Themen.
Doch die Debatte über die (soziale) Frage von Fleischpreisen hilft, sich erneut darüber bewusst zu werden, wo diese Lebensmittel herkommen und welche Leistung in ihnen steckt. Kein Landwirt will Tiere schlecht halten, kein Schlachter sie beim letzten Gang quälen. Kein Verarbeiter will Konsumenten mit seinen Produkten gefährden, kein Händler auf die Umsatzbringer Fleisch und Wurst verzichten. Und doch gibt es immer wieder Diskussionen und leider auch Skandale, die an einzelnen Stellen für große Unruhe sorgen. Waren es im vorletzten Jahr die „miserablen Arbeitsbedingungen“ in der Schlachtindustrie, sind es im kommenden vielleicht (wieder) die großen Player im Lebensmitteleinzelhandel, die nicht mehr (länger) die „Preise diktieren und Margen optimieren“ dürfen. Ob erstere durch die Allgemeinverbindlichkeit des neuen Tarifvertrags in der Fleischwirtschaft der Vergangenheit angehören und letztere durch Fusionskontrolle oder Vorgehen gegen unlautere Handelspraktiken in Zukunft unterbunden werden können, steht auf einem ganz anderen Blatt.

So wie mit Blick auf Kernenergie und Erdgas die EU-Taxonomie als Kennzeichnungssystem helfen soll, dass Privatinvestoren und Finanzmärkte nachhaltige Investments erkennen können, gilt es, eine solche Art Taxonomie in Richtung der Fleisch-Stakeholder und insbesondere in Richtung der Verbraucher zu kommunizieren. Das wäre hilfreich, um alle Gruppen in Aktivitäten zu locken, die einen Wandel hin zu wirklich nachhaltigen (Fleisch)Preisen unterstützen.

Quelle: Fleischwirtschaft 1/2022
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