Lebensmittelversorgung: Die Ernährung muss zu...
Jörg Schiffeler
Lebensmittelversorgung

Die Ernährung muss zu jeder Zeit gesichert sein

Dienstag, 01. März 2022

FRANKFURT Die Sanktionen werden nicht ohne Folgen bleiben. Die Ernährungssicherung muss zur Stabsaufgabe werden.

Mit Wladimir Putin ist nicht gut Kirschen essen. Seit seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident der Russischen Föderation gelang es der deutschen Politik nicht, eine Beziehung aufzubauen. Die Fortsetzung der engen Freundschaft zwischen Helmut Kohl und Michail Gorbatschow wünschten viele Menschen – nicht nur in der Bundesrepublik. Der Traum ist zerplatzt, dass intensive Wirtschaftsbeziehungen und Sponsoring-Partnerschaften auf ein gutes Verhältnis einzahlen, das von Vertrauen und Wertschätzung geprägt ist. Die lang gehegte Hoffnung wurde endgültig mit dem Angriff auf die Ukraine begraben.

Weder der Krieg im Kaukasus noch die Annexion der Krim öffneten uns die Augen über eine Gefahr, die nicht nur uns in Europa bedroht. Erst der Einmarsch in das EU-Nachbarland Ukraine führte zum Ziehen einer Notbremse und den Beginn einer Zeitenwende, wie es Bundeskanzler Olaf Scholz am vergangenen Sonntag im Deutschen Bundestag formulierte. Es steht nicht weniger auf dem Spiel, als die Werte von Demokratie und Freiheit zu verteidigen.

Was folgt daraus für den Agrar- und Ernährungssektor? Die Abhängigkeit von Lieferanten wichtiger Güter muss auf den Prüfstand gestellt werden. Die Corona-Krise führte bereits vor Augen, welche Engpässe von global gesprengten Lieferketten ausgelöst werden können und was das für die Entwicklung der Beschaffungskosten bedeutet. Die Produktion von Mikrochips, Folien und Verpackungen ist pandemiebedingt aus dem Rhythmus geraten. Und Desinfektionsmittel, Einmalartikel wie Hauben oder Mundschutz und Handschuhe werden nach wie vor am anderen Ende der Welt besorgt – bis zur nächsten Krise. Die in den letzten Jahrzehnten bis zur Perfektion gebrachte „just-in-time“-Lagerhaltung ist nicht mehr die Methode der Wahl.

Auch wenn die Ukraine die Kornkammer Europas ist, sei die Getreideversorgung hierzulande nicht gefährdet. Das erwartet das Bundeslandwirtschaftsministerium mit Verweis auf einen hohen Eigenversorgungsanteil innerhalb der EU. Für die Bundesrepublik weist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) einen Selbstversorgungsgrad von 101 Prozent aus – es wird also mehr produziert als benötigt. Das gilt auch für Zucker (141), Kartoffeln (145), Milch (112) und Fleisch (118). Bei Eiern, Gemüse, Honig und Obst etwa sind wir laut Statistik unterversorgt.

Die Ernährungssicherung muss nicht nur in unsicheren Zeiten zur Stabsaufgabe werden. Die Agrar- und Ernährungswirtschaft ist enorm leistungsfähig. Zugleich ist sie offen für die Transformation. Klimaschutz, Ressourcenschonung und Tierwohl stehen der Prosperität nicht entgegen. Der Sektor benötigt aber dringend mehr Luft zum Atmen und weniger Diskussionen über Stilllegungsprämien – beispielsweise für die Reduktion von Tierbeständen. Die Viehzählungen von Destatis und Eurostat übertrumpfen sich mit Rekordmeldungen über ein Abstocken der Herden. Das kann perspektivisch nicht gut gehen, selbst wenn sich die Verzehrgewohnheiten verändern werden mit jeder Entwicklung fleischfreier Alternativen. Gleichwohl gehört der Green Deal mit seiner Farm-to-Fork-Strategie nicht ausgesetzt, wie es die Liberalen gerade fordern. Es ist ja ein langer Prozess gewesen, dass sich die europäische Agrarpolitik auf die heimische und nachhaltige Produktion konzentriert anstatt in erster Linie auf die Welternährung.

Die verhängten Sanktionen werden hierzulande nicht ohne Folgen bleiben. Wenn der globale Fleischhandel sich neue Abnehmer suchen muss, um vorhandene Waren zu platzieren, kommt die Preisspirale in Bewegung. Nicht nur bei Gas und Öl. Größere Belastungen dürften auf den Maschinenbau zukommen. Die Lieferungen von Kuttern, Wölfen, Verpackungslinien und Co. stiegen im Jahr 2020 erneut um zwei Prozent. Und investierende Russen gehörten bisher zu den Top-Besuchergruppen der Leitmesse IFFA. Das wird sich diesmal ändern.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 9/2022
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