Transformation: Alle müssen mit Allen reden
Gerd Abeln
Transformation

Alle müssen mit Allen reden

Dienstag, 15. November 2022

FRANKFURT Niedersachsen könnte Agrarthemen im Bund politisch vorantreiben.

Der Koalitionsvertrag der neuen rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen würdigt zwar die Leistungen der Agrar- und Ernährungswirtschaft, die unter „Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz“ aufgeführten Passagen lassen aber zusätzlichen Gegenwind für die Betroffenen der Wertschöpfungskette Fleisch schon erahnen. Verbände und Unternehmen in dem wichtigen Erzeuger- und Verarbeiter-Bundesland wollen natürlich weiterhin sowohl den politischen Diskurs suchen als auch mit den neuen politischen Akteuren auf Landesebene reden. Hoffentlich kommen diese Gespräche schneller und besser in Gang als auf Bundesebene mit dem grünen Ressortchef.

Wenn im Vertrag die Produktionssteigerungen der „systemrelevanten“ Landwirtschaft als „Grundlage für gesellschaftlichen Wohlstand“ gelobt und die „Abwärtsspirale von sinkenden, nicht auskömmlichen Erzeugerpreisen“ erkannt werden, sollten hier schnellstens Lösungen auf den Tisch, bevor noch mehr Betriebe das Handtuch werfen. Und da der „Umbau der Tierhaltung“ auch gesellschaftlich getragen werden muss, sollte das politische Bekenntnis zu den Ansätzen und den Finanzierungsinstrumenten der „Borchert-Kommission“ und zur niedersächsischen Ernährungsstrategie selbstverständlich sein und hoffentlich nicht im politisch-idealischen Klein-Klein zerredet werden. Die Landwirtschaft mit vor- und nachgelagertem Bereich ist schließlich der zweitgrößte Arbeitgeber Niedersachsens und der größte im ländlichen Raum.

Rot-Grün in Niedersachsen will das Tierwohl stärker in den Fokus rücken. Bleibt zu hoffen, dass die Koalition dafür die planungs- und genehmigungsrechtlichen Voraussetzungen auf Bundesebene auch politisch vorantreibt und dort bessere Finanzierungsinstrumente erreichen kann. Gut, wenn das Bundesland für die Schweinehaltung ergänzend Mittel bereitstellen will. Verbände und Unternehmen müssen allerdings gleichzeitig weiterhin mit der Politik um pragmatische Lösungen für die Branche kämpfen.

Darüber hinaus muss auch die Realität der mittelständischen Ernährungsindustrie berücksichtigt werden, damit der schon vor gut einem Jahr im Bund angekündigte Fortschritt nachhaltig und unter Berücksichtigung der vielfältigen Ernährungsweisen in Deutschland umgesetzt werden kann. Denn für 84 Prozent der Deutschen sind Wurst und Schinken auch in Zukunft Teil der Ernährung, was kürzlich eine repräsentative Studie im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Wurst- & Schinkenproduzenten e.V. (BVWS) zeigte. Nicht nur auf diesem Feld muss eine Versachlichung von Themen erfolgen, weil neben Schinken und Wurst auch Fleischprodukte weit mehr in der Mitte der deutschen Gesellschaft verankert sind, als dies die allgemeine Debatte um alternative Proteine oder Laborfleisch vermuten lässt.

Quelle: Fleischwirtschaft 11/2022
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