Umbau der Tierhaltung: Tierwohl löst nicht al...
Sabrina Meyer
Umbau der Tierhaltung

Tierwohl löst nicht alle Probleme

Freitag, 18. Februar 2022

FRANKFURT Der Entwertung des Lebensmittels Fleisch muss ein Riegel vorgeschoben werden.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) hat eine klare Meinung zum Umbau der Nutztierhaltung. Aktuelle Debatten über die Finanzierung legen der Umsetzung noch Steine in den Weg. Den Willen und die Einsicht zur Zusammenarbeit mit der Fleischbranche gibt es dennoch. Deren Expertise sei das Sprungbrett zu höheren Standards in deutschen Ställen, heißt es aus Berlin.

Ein Knackpunkt ist die Akzeptanz des Exports von Fleisch. Von der politischen Seite eher als Treiber der Missstände verurteilt, ist dieses Geschäftsfeld in der nachhaltigen Vermarktung des bei uns nicht wertgeschätzten fünften Viertels eine wichtige Stellschraube. Das hat das dem BMEL zugeordnete Thünen-Institut sehr wohl im Blick und dazu gerade ein Paper zur Exportrealität höherer Tierwohlstandards veröffentlicht. Das Institut hat das Exportpotenzial von Schweinefleisch in Italien und Polen sowie in den Drittstaaten Japan und Südkorea untersucht. Mit dem Resultat: Das Produkt an sich wird im europäischen und globalen Raum geschätzt, doch das Exportpotenzial höherer Standards ist schwer abschätzbar.

Erste Ergebnisse weisen daraufhin, dass dies eine Herausforderung wird. Herkunft und Qualität sowie der Preis bleiben ausschlaggebendere Argumente. Auch wenn die Bevölkerung in Italien und Polen erstes Interesse an den Produktionsstandards zeigt, das Wissen darüber ist lückenhaft. Die Drittstaaten befassen sich gar nicht mit dem Thema. Das Wort Herausforderung scheint da wohl zu kurz gefasst. Um in Asien Erfolg zu haben, müsste Tierwohl als Qualitätsaspekt etabliert werden. Die Wissenschaftler fordern entsprechende Informationskampagnen, um höheren Standards auch global eine Vermarktungschance zu geben. 
Tierwohl hat einen Preis – im Ausland kostet es Exportchancen, in Deutschland wird sich über Finanzierungslösungen gestritten. Die im Borchert-Papier geforderte finanzielle Unterstützung löst bei vielen politisch Verantwortlichen Unbehagen aus, doch die Branche weiß nur zu gut: Tierwohl kostet und braucht Zeit. Das Bekenntnis zu einem gemeinsamen Wandel klingt schön, doch wer wird diesen letzten Endes bezahlen? Die Erzeuger und Verarbeiter sehen sich immer häufiger damit konfrontiert, dass durch die gesellschaftliche Debatte das sorgsam hergestellte Lebensmittel seinen Wert verliert. Allen gesetzlichen Standards wird entsprochen und dennoch werden Fleisch und sein Konsum heftig kritisiert. Wird sich die Tonalität in der öffentlichen Diskussion ändern, sobald die Tierwohlstandards höhere sind? Diese Frage bleibt offen.

Kernproblem ist die fehlende Wertschätzung des qualitativ hochwertigen Lebensmittels. Der Umbau der Nutztierhaltung kann nur die erhoffte gesellschaftliche Akzeptanz bringen, wenn parallel in der Bevölkerung ein anderes Bewusstsein für die heimische Produktion etabliert wird. Informationskampagnen müssen Verbraucher aufklären und ihnen die Produktion nahe bringen, sonst retten auch höhere Standards nicht den Nutztierstandort Deutschland.

Quelle: Fleischwirtschaft 2/2022
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