Zweinutzungsrassen: Der Markt wird es nicht r...
Jens Brehl
Zweinutzungsrassen

Der Markt wird es nicht regeln

Dienstag, 26. Juli 2022

FRANKFURT Seit Jahren sind sich Bio-Branche und Anbauverbände weitgehend einig: Sie wollen eine Abkehr von einseitiger Tierzucht auf Höchstleistungen.

Damit erinnert man sich an alte Vorsätze. In den ersten Richtlinien von 1983 des heute zweitgrößten Anbauverbands Naturland ist vermerkt: „Das Zuchtziel kann nicht in einer Höchstleistung bei einem einzelnen Nutzmerkmal liegen; als Grundlage der Leistungszucht ist vielmehr die Konstitution zu berücksichtigen. Der Maßstab dafür ist die Lebensleistung des Tieres.“

Das Kükentöten direkt nach dem Schlupf ist in Deutschland verboten, die Bio-Branche lehnt die Geschlechtsbestimmung im Ei ab. Folglich wird jeder Lege-Hybride auch der Bruderhahn großgezogen. Das ist bei allen Anbauverbänden (Ausnahme Biopark) Pflicht, auch bei EU-Bio-Betrieben dürfen die männlichen Tiere oft aufwachsen. Deren Mast ist jedoch wirtschaftlich und ökologisch fragwürdig: Sie verbrauchen vergleichsweise viel Futter und liefern wenig Fleisch. Daher soll dies nur ein Zwischenschritt sein, der bestenfalls nicht zu lange dauert.

In der Bio-Geflügelhaltung sollen als Endziel so flächendeckend wie möglich Zweinutzungsrassen einziehen, die wieder eine ausgewogene Balance zwischen Eierlege- und Mastleistung aufweisen – und an die ökologische Landwirtschaft angepasst sind. Deren Eier und Fleisch lassen sich derzeit als Bio-Premiumprodukte in der angespannten Wirtschaftslage nur extrem schwer absetzen. Nun musste Vorreiter „Die Biohennen“ aus dem Zukunftsmodell nach nur drei Jahren wieder aussteigen.

Der Markt wird es nicht regeln. Momentan heißt es für die Pioniere: Seht zu, wie Ihr klarkommt. Und das kann es nicht sein. Wer eine neue Form der Bio-Geflügelhaltung mit Zweinutzungsrassen will, muss jetzt aktiv werden. Wenn sich (Bio)-Handel, Anbauverbände und Politik nach vielen Lippenbekenntnissen nicht sofort und gemeinsam auf die Hinterbeine stellen, hat das Zukunftsmodell Zweinutzungsrassen nur wenig Chancen, und der Zwischenschritt Bruderhahn wird uns schlimmstenfalls noch Jahrzehnte begleiten.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 30/2022
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