Zweinutzungsrassen: Problemfall Bruderhahn
Jens Brehl
Zweinutzungsrassen

Problemfall Bruderhahn

Dienstag, 07. März 2023

FRANKFURT Das Erdbeben, welches die gesamte Bio-Branche inklusive weite Teile des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels erschüttert hätte, konnte auf der Mitgliederversammlung des Anbauverbands Biokreis abgewendet werden.

Sieben Biokreis-Betriebe hatten beantragt, die Geschlechtsbestimmung im Ei in den Richtlinien zuzulassen, um auf die unwirtschaftliche und kostenintensive Aufzucht der Bruderhähne der Legerassen verzichten zu können. Die Antragsteller zogen schließlich zurück. Der mögliche Schaden für Biokreis, der mit seinem Markenzeichen dem Handel die ökologische Aufzucht der Bruderhähne garantiert, war damit vom Tisch.

Das in Deutschland verbotene Töten der männlichen Küken direkt nach dem Schlupf durch das Töten der Embryonen austauschen zu wollen, ist kein böser Wille, sondern kann als klarer Hilferuf der Bio-Geflügelhalter interpretiert werden. Vielerorts geht die Kalkulation eben nicht auf, die für die Mast ungeeigneten Tiere durch einen höheren Eierpreis zu finanzieren. Der Bruderhahn ist ein ethisch und politisch gewollter Futterverschwender, denn seine Genetik ist nicht auf einen nennenswerten Fleischansatz ausgelegt. Der in der ökologischen Landwirtschaft zahlenmäßig nennenswerte Einsatz von Zweinutzungsrassen mit ausgeglichener Balance zwischen Eierlegeleistung und Fleischansatz als Nachfolge des Bruderhahns liegt in sehr weiter Ferne. Es hilft nichts: Ein einzelner Anbauverband und schon gar nicht der Markt alleine werden die Problematik lösen. Wieder einmal ist die Agrarpolitik konkret gefordert.
In einem Punkt ist Biokreis immerhin Vorreiter: Erstmals hat er bei seiner Mitgliederversammlung Presse zugelassen – ein wichtiger Schritt in Sachen Transparenz in der Bio-Branche. Gewöhnlich beraten und beschließen Bio-Anbauverbände ihre Richtlinien hinter verschlossenen Türen, was absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Wer sich und seine Debatten vor der Öffentlichkeit derart abschottet, braucht sich nicht zu wundern, wenn Kundschaft teils komplexe Bio-Themen nicht versteht. Vertrauen gewinnt man durch gewährte Einblicke.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 10/2023
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