Das beste Stück: Die Gründerzeit der Metzgerl...
Das beste Stück

Die Gründerzeit der Metzgerläden

Metzgermuseum
Nur wenige original ausgestattete Verkaufsräume aus der Gründerzeit sind heute noch erhalten.
Nur wenige original ausgestattete Verkaufsräume aus der Gründerzeit sind heute noch erhalten.

BÜDINGEN Ornamente und Reliefs machen die Theke aus.

Die Gründerzeit von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts ging in die Geschichte mit ihren üppig verzierten Hausfronten ein. Ähnlich dekorativ fielen die Theken aus, als die Fleischer aufgrund der Gewerbefreiheit und der Aufhebung des Schirnzwangs vom Marktstand zum geschlossenen Laden wechselten. Möbeltischler und bald spezialisierte Ladenbauer boten Konstruktionen aus Tannen- oder Pinienholz mit geschnitzten Ornamenten, Reliefs und gerahmten Feldern weiß lackiert oder Natur geölt.

Prunkstücke waren die Eichenholztheken mit Majolika-Verblendung. Die mit einer Zinnglasur überschmolzene Keramik erlaubte spielerische Formenvielfalt und stilistische Freiheit vom Historismus bis zum Jugendstil. Die gestalterischen Elemente setzten sich fort in der Fliesenverkleidung an den Wänden und den Schaufenstervorsätzen mit Marmorböden und Spiegelflächen.

Nur noch wenige original ausgestattete Verkaufsräume wie im rheinischen Burscheid oder im hessischen Oberursel sind heute erhalten. Aber Fleischermeister mit Sinn für Geschichte und Kultur ihres Handwerks halten diese Epoche in privat geführten Museen am Leben. Norbert Schmidt hat in Offenbach am Main ein barockes Fachwerkhaus denkmalgerecht saniert, hat mit einer Vesperstube die ehemalige Nutzung als Gastwirtschaft wieder aufgegriffen und sogar die Wände mit Originalfliesen durch Replikate ergänzt. Prunkstück der Sammlung mit Hackstöcken, Waagen und Füllzylindern ist die über hundert Jahre alte Majolikatheke von Villeroy und Boch. Aus Platzgründen wurden die beiden weißblauen Eckelemente mit Vasenmotiven und floraler Ornamentiik zu einem kompakten Möbel zusammengefasst und die drei Mittelfelder mit Landschaftsansichten im Delfter Stil gerahmt darüber ausgestellt.

Gleich einen ganzen Laden mit historischen Originalen ausgestattet hat der Verein Büdinger Metzgermuseum im Schlaghaus in einem Neubau, der das Ensemble aus musealer Sammlung im Turm der Stadtbefestigung und einer Wurstküche mit der Technik um 1900 komplettiert. Hinter der eingeschossigen Fassade mit Satteldach und Sprossenfenstern wurde ein Verkaufsraum mit 20 Quadratmeter Fläche entfaltet sich das Ambiente einer vergangenen Epoche mit dem von kanellierten Pilastern flankierten Regal an der Seite sowie Tafelwaage und Aufschneidemaschine mit liegendem Messer unter dem emaillierten Gehänge an der Rückwand. 

Blickfang – hier wie einst am ersten Aufstellungsort – ist die Theke, um die vorletzte Jahrhundertwende vom gleichen Anbieter in Dresden hergestellt. Die Front, wiederum aus Majolikakeramik, ist unterteilt in drei Felder und mit Ornamentik in weiß und mintgrün verziert. Über der Marmorplatte ist das Marmorzahlbrett auf vier Metallträgern installiert. An jedem ersten und dritten Sonntag im Monat werden hier Hausmacher Würste und Schinkenspeck aus heimischer Handwerksproduktion verkauft.

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Quelle: Fleischwirtschaft 1/2022
Themen
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