Das beste Stück: Lebendes und totes Fleisch
Das beste Stück

Lebendes und totes Fleisch

Deutsches Fleischermuseum / Judith Samen
Das Deutsche Fleischermuseum ist der ideale Ort, um die Fotografien von Judith Samen auszustellen. Wo sonst kommt man der Materie Fleisch so nahe?
Das Deutsche Fleischermuseum ist der ideale Ort, um die Fotografien von Judith Samen auszustellen. Wo sonst kommt man der Materie Fleisch so nahe?

BÖBLINGEN Kunst von Judith Samen ist weitaus mehr als ein Foto. Ein Blick reicht nicht, um die Vielschichtigkeit der Kunst – die oftmals auch Performance ist – zu durchschauen.

Die Sonderausstellung "Vom Rohen kosten" wird ab dem 14. April bis zum 22. Oktober 2022 im Deutschen Fleischermuseum in Böblingen zu sehen sein. Ein halbes Jahr werden die Fotografien und Ausstellungsstücke von Judith Samen im Fleischermuseum wohnen. Im gesamten Zeitraum wird auch die Künstlerin persönlich präsent sein. Sie stellt sich gerne selbst als ihr eigenes Bildpersonal zur Verfügung. Ihre Inszenierungen verbinden Fotografie und Raum. Fotografin, Modell, Komparsin, Bildnerin sind einige der vielen Rollen und Funktionen, welche die Künstlerin/Darstellerin/Erzählerin in und auf ihren Werken einnehmen kann. Hinter der Kamera ist bei ihr immer auch vor der Kamera. Grenzen von Bild und Wirklichkeit stehen zur Disposition, wenn sie das ihr eigene Welttheater präsentiert. Die Schöpferin kann ebenso bildtragendes Motiv sein wie Stubenkücken, Osso Buco und anderes.

Die Ausstellung wird am 14. April eröffnet.
Fleischermuseum Böblingen
Die Ausstellung wird am 14. April eröffnet.

Blick in die Tiefe

Nacktheit, Fleisch, Mutterschaft... nie verrät ein Werk auf den ersten Blick all seine Inhalte. Ein zweiter und auch dritter Blick lohnen sich. Keine der zum Teil irritierenden Bildfindungen ist abgeschlossen, denn diese Arbeiten wollen assoziative Zeichen und Denkhilfen sein, die den intensiven Dialog mit ihrem Publikum suchen und diesem mit radikaler Authentizität gegenüber treten. Schon das Aufmacherfoto des Ausstellungsplakats und Flyers lösen zwiespältige Emotionen aus. Ein nacktes Kind mit Fleisch in der Hand? Man kommt nicht umhin, bei dem Anblick etwas zu empfinden. Es erscheint wie ein Zwang, sich mit den Werken von Judith Samen auseinandersetzen zu müssen.

Samen ist als Bildende Künstlerin mit ihren inszenierten Fotografien international bekannt geworden. Die künstlerische Arbeit bewegt sich zwischen Inszenierung und Authentizität menschlicher Seinszustände; dies stets gepaart mit dem immer neuen Hinterfragen des Kunstbegriffs und dem überschreiten der ästhetischen Grenze zwischen Bild und Raum. Dabei benutzt die Künstlerin neben der Fotografie unterschiedliche Medien wie Zeichnung, Rauminstallation, Performance und Video.

Den richtigen Riecher haben

So ist auch die erste "Begegnung" mit der Kunst von Judith Samen ein Fest für alle Sinne für den Böblinger Museumsleiter Dr. Christian Baudisch. Als dieser 2010 im Stuttgarter Kunstmuseum unterwegs ist, hat er den Geruch von Bratfett und Kartoffeln in der Nase. Schon bevor die Installation "Reibekuchenwand/P.O.P. Performance ohne Publikum II" von Judith Samen zu sehen war, wabert der Geruch durch die Luft der umgebenden Ausstellungsräume. Hunderte frischgebrutzelte, gleichgroße und kreisrunde Reibekuchen an einer riesigen Wand sind nicht nur ein visueller, sondern auch ein olfaktorischer Höhepunkt. Ein intensiveres Studium des Werks der Künstlerin offenbart, dass es in vielen anderen ihrer Arbeiten etliche weitere Auseinandersetzungen mit Lebensmitteln gibt.

Künstler haben sich schon immer und in allen Phasen der Kunstgeschichte mit lebendem und totem Fleisch auseinandergesetzt. Wo könnten also die Werke von Judith Samen besser aufgehoben sein als in einem Fleischermuseum?
DIE THEMEN DER FLEISCHWIRTSCHAFT 3/2022

Die März-Ausgabe enthält unter anderem folgende weitere Beiträge:

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Quelle: Fleischwirtschaft 3/2022

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