DFV: Dohrmann schreibt an Özdemir
DFV
Der Bremer Fleischermeister Herbert Dohrmann ist seit 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV).
Der Bremer Fleischermeister Herbert Dohrmann ist seit 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV).

FRANKFURT Der Deutsche Fleischer-Verband kritisiert die aktuelle Bundespolitik für die Land- und Ernährungswirtschaft.

Die Internationale Grüne Woche beginnt am Freitag, den 20. Januar 2023 offiziell. Den traditionellen Treffpunkt von Land- und Ernährungswirtschaft, Politik, Verwaltung und Organisationen hat der Deutsche Fleischer-Verband (DFV) zum Anlass genommen, einen Offenen Brief an den Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Cem Özdemir zu schreiben. Darin kritisiert der DFV-Präsident Herbert Dohrmann die Ausrichtung und die Maßnahmen der Bundesregierung im Bereich Land- und Ernährungswirtschaft.



Sehr geehrter Herr Minister Özdemir,

mit großer Sorge verfolgt das deutsche Fleischerhandwerk die aktuellen Debatten und politischen Vorhaben rund um die Tierhaltung in Deutschland. Wir müssen tiefgreifende Veränderungen erwarten, allerdings nicht wie sicher angestrebt im positiven Sinn, sondern mit dramatischen Auswirkungen für Mensch und Tier.

Das Fleischerhandwerk bekennt sich mit allem Nachdruck zu allen Bestrebungen, die eine möglichst gute, nachhaltige und tiergerechte Haltung zum Ziel haben. Unsere Betriebe sind in der Region verwurzelt und leben diese Ideale, wo immer es möglich ist. Das gilt selbstverständlich auch für unseren Anspruch, unsere Kundinnen und Kunden mit hochwertigen und gesunden Lebensmitteln zu versorgen. Leider sehen wir mehr und mehr, dass uns dieser Weg erschwert wird. Richtige Ziele werden an vielen Stellen mit Maßnahmen verfolgt, die genau das Gegenteil dessen bewirken, was erreicht werden soll und muss.
„Wir erleben, dass der Verzehr von Fleisch auf ganz unterschiedliche Weise angegriffen wird.“
Offener Brief des DFV
Wir erleben derzeit, dass der Verzehr von Fleisch auf ganz unterschiedliche Weise angegriffen wird. Leider macht da die Politik Ihres Ministeriums keine Ausnahme. Ihr jüngster Vorstoß, „gesunde“ Lebensmittel bei der Mehrwertsteuer zu entlasten, ist da nur ein weiteres trauriges Beispiel. Als „gesund“ werden ausschließlich pflanzliche Lebensmittel eingestuft, Fleisch und Fleischerzeugnisse dagegen damit diffamiert.

Auch wenn es in die Ideologie von Fleischgegnern nun gar nicht passen will, es ist eine Tatsache und eindeutig wissenschaftlich belegt, dass Fleisch ein wichtiger Teil einer ausgewogenen Ernährung ist. Wichtige Makro- und Mikronährstoffe werden eben mit Fleisch aufgenommen. Eine Reduktion der Diskussion auf Proteine ist unhaltbar, aber selbst diese lebensnotwendigen Eiweiße werden über Lebensmittel tierischen Ursprungs wesentlich besser aufgenommen.
Es ist unverantwortlich, den Leuten einzureden, man könne sich problemlos ohne tierische Produkte ernähren. Ja, unbestritten, man kann sich vegan ernähren. Ohne das Risiko von Mangelerkrankungen geht das aber nur, wenn man einen strikten Ernährungsplan einhält, fortlaufend und in der richtigen Zusammensetzung und Dosis Nahrungsergänzungsmittel zu sich nimmt und einer engen ärztlichen Kontrolle unterliegt. Das gilt besonders für Kinder, Jugendliche, Alte, Kranke, Sporttreibende und viele andere mehr. Selbst der Vegetarierbund „proveg“ beschreibt die Risiken und den enormen Aufwand, den man betreiben muss.

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung kann diesen Aufwand nicht leisten, weil das Wissen fehlt, weil das im Alltag nicht durchzuhalten ist oder weil man sich schlicht auf die kolportierte, aber falsche Nachricht verlässt, Bohnen seien ernährungsphysiologisch dem Fleisch völlig gleichzusetzen.

Mindestens ebenso bedeutsam ist vielleicht noch etwas anderes: Die Menschen wollen Fleisch essen. Das wissen wir nicht nur aus unserer täglichen Praxis, sondern das belegen auch aktuelle Untersuchungen.

Sehr geehrter Herr Minister,

Sie betonen immer wieder, dass Sie keinesfalls den Fleischkonsum generell beseitigen wollen, dass es aber Ihr Ziel ist, dass weniger Fleisch gegessen wird. Vielleicht lohnt es tatsächlich, sich einmal anzusehen, wie hoch der Fleischkonsum tatsächlich ist. Die Form der Ermittlung des verbreiteten Werts ist ja zuletzt durchaus kritisch hinterfragt worden. Die Stimmen mehren sich, dass der tatsächliche Verzehr gar nicht so weit weg ist von dem, was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt.

Das ist aber gar nicht so sehr unser Thema, da es seit langem die Position des Fleischerhandwerks ist, dass es nicht das Ziel sein kann, dass die Menschen möglichst viel Fleisch essen, sondern dass es viel wichtiger ist, dass sie das richtige Fleisch essen: Gutes aus der Region, aus nachvollziehbarer Herkunft, handwerklich verarbeitet. Klasse statt Ramsch, dafür steht das Fleischerhandwerk.

Genau an diesem Punkt entstehen unsere Sorgen: Die ständigen ideologischen Angriffe auf Fleisch werden diejenigen Verbraucherinnen und Verbraucher erreichen, die sich schon jetzt möglichst bewusst ernähren. Diese Menschen schauen genauer hin, sind auch bereit für gute Qualität etwas mehr zu bezahlen. Die vielen aber, denen ein günstiger Preis über alles geht, werden sich kaum beeindrucken lassen. Das Ergebnis, das droht, ist fatal: Gutes Fleisch wird weniger nachgefragt, weniger gutes dagegen landet weiterhin in den Einkaufswägen des Discounts.

Das auch von Ihnen immer wieder vorgetragene viel zu einfache Ziel, dass weniger Fleisch konsumiert werden muss, führt dazu, dass Sie am falschen Ende angreifen. Es muss endlich eine differenzierte Betrachtung her, das ist das Mindeste, was vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zu erwarten ist. Diese Betrachtung hat übrigens nichts mit Bio oder konventionell zu tun. Viele Untersuchungen zeigen, dass ökologisch erzeugte Waren beim Fleisch eben nicht automatisch besser sind, besonders auch nicht in Sachen Tierhaltung.

Ein letzter gravierender Punkt: Wir wissen sehr wohl, dass bestimmte Absichten im Koalitionsvertrag festgelegt wurden. Diese Vorhaben jedoch ohne Rücksicht auf die aktuelle Situation durchzuziehen, ist fatal und unverantwortlich. Die Unternehmen und die privaten Haushalte ächzen unter einer seit Jahrzehnten nicht gekannten Inflation. Das belastet vor allem diejenigen Anbieter von Lebensmitteln, die durch Regionalität, gute Tierhaltung, nachhaltiges Wirtschaften und handwerkliche Verarbeitung teurer anbieten müssen. Es kommt doch nicht von Ungefähr, wenn Handel und Discount fast ausschließlich mit aggressiver Preiswerbung um Kunden buhlen. Der Preisabstand zwischen Gut und Billig vergrößert sich immer mehr und trifft auf schmalere Geldbeutel der Menschen.
Jede zusätzliche Belastung für land- und ernährungswirtschaftliche Betriebe, die für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft stehen, muss deshalb unbedingt verhindert werden. Immer neue bürokratische Auflagen, zum Beispiel zur Haltungskennzeichnung oder zur Herkunftskennzeichnung, drücken die Unternehmen an die Wand. Diese Regelungen werden wieder ausschließlich für industrielle Strukturen entwickelt, handwerkliche Herstellung und Bedienverkauf brauchen aber andere Regeln. Wir fordern, dass Rahmenbedingungen endlich so gemacht werden, dass Kleine eine realistische Überlebenschance haben. Was wir derzeit sehen, ist ein politisch und ideologisch getriebenes Forcieren des Strukturwandels hin zu Industrialisierung und Zentralisierung.

Überbordende Bürokratie, das Missachten von funktionierenden guten Lösungen zwischen Landwirtschaft und Handwerk, das Erzwingen von standardisierten Kennzeichnungssystemen und falsche Anreize durch fehlgeleitete Förderung, all das führt dazu, dass kleine, bäuerliche Betriebe aufgeben und damit Strukturen zusammenbrechen, die dem Reden nach alle wollen. Hier braucht es dringend neue Schwerpunkte politischen Handelns.

Sehr geehrter Herr Minister,

seit Ihrem Amtsantritt bitten wir Sie um ein Gespräch, in dem wir Ihnen unsere Anliegen vortragen und Vorschläge machen können, wie wir eine Versorgung der Menschen aus der Region für die Region sicherstellen können. Leider ist es bis heute nicht dazu gekommen, weswegen wir unsere Bitte nochmals erneuern. Wir brauchen eine Politik, die an den richtigen Stellen einsetzt, damit nicht noch mehr Druck auf diejenigen entsteht, die in Sonntagsreden hochgelobt werden.

Quelle: fleischwirtschaft.de; DFV

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