Fleischkonsum: VDF widerspricht Lauterbach
Fleischkonsum

VDF widerspricht Lauterbach

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Karl Lauterbach bringt die Fleischindustrie gegen sich auf.
Karl Lauterbach bringt die Fleischindustrie gegen sich auf.

BONN Der Bundesgesundheitsminister wirbt, weniger Fleisch zu essen. Die Brancheninitiative  „Fokus Fleisch“ kontert.

Karl Lauterbach ist Vegetarier. Der Verzicht auf Fleisch sei ihm allerdings nicht leichtgefallen, sagte der Bundesgesundheitsminister kürzlich bei einer Veranstaltung der „Zeit“-Verlagsgruppe. Denn als Kind und junger Mann habe er es sehr gerne gegessen, es sei für ihn ein Genuss gewesen.

So weit, so privat. Doch Lauterbach erzürnt nun die Gemüter der Fleischwirtschaft, weil er den Wandel der fleischlastigen Ernährung für wichtig hält. Steffen Reiter, Sprecher Fokus Fleisch der von Unternehmen der Rind- und Schweinefleischerzeugung in Deutschland und vom Verband der Fleischwirtschaft (VDF) gestützten Brancheninitiative, reagierte prompt: „Wir klären auf! Karl Lauterbach und seine Erkenntnisse über Fleisch, Klima und Gesundheit“ und prüfte die einzelnen Aussagen. „Wir stützen uns auf valide Zahlen und die Veröffentlichungen von weltweit renommierten Forschern, somit ganz im Sinne von Lauterbach: Politik muss der Wissenschaft folgen,“ so Reiter in der Stellungnahme.

Aussage 1: „Fleischkonsum in Deutschland ist ja in vielerlei Hinsicht vollkommen unvernünftig, grenzt an den Wahn, wenn man drüber nachdenkt.“ 
Wenn der deutsche Fleischkonsum an Wahn grenze, dann müssten die meisten unserer europäischen Nachbarn dem Wahn bereits verfallen sein, argumentiert der Sprecher der Brancheninitiative. Laut den Zahlen der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft und Eurostat liege der Fleischkonsum in Deutschland klar unter dem europäischen Durchschnitt. „Konkret: In Deutschland wurden pro Kopf im vergangenen Jahr 81,7 kg Fleisch verbraucht. In der EU waren es dagegen 84,1 kg im Durchschnitt. Wir sind also unterdurchschnittlich, aber bestimmt nicht wahnhaft.“ Europameister ist demnach Spanien mit einem Verbrauch von 105 kg pro Kopf im Jahr.

Aussage 2: „Also dass wir hier durch die Rinderzucht die CO2- und auch die Methanfreisetzung haben, was viel schlimmer ist, und dann eben noch die schlechte Energiebilanz, die das Ganze hat – es ist einfach in jeder Hinsicht unvernünftig.“
Steffen Reiter zitiert dazu unter anderem Prof. Dr. Frank Mitloehner, der an der University of California, Davis, zu Tierhaltung- und Klimaforschung lehrt: „Hauptquelle von Treibhausgasen ist mit 80 Prozent die Nutzung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas. Energieproduktion, Transport und Zementindustrie sind die Haupttreiber beim CO2-Ausstoß.“ Natürlich habe die Tierhaltung einen Anteil, aber der werde oft vollkommen übertrieben dargestellt und man ignoriere die Möglichkeiten, die Landwirtschaft und speziell Tierhaltung im Kampf gegen den Klimawandel bieten.

Zudem verweist Reiter neben anderen auf Sarah Wiener, Mitglied der Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament: „Man kann nicht einfach sagen, Kühe rülpsen Methan, die sind Klimakiller, die müssen weg. Das ist ein bisschen sehr einfach, wenn man sich die Komplexität der Natur genauer anschaut.“

Aussage 3: „Auch die Menge Fleisch, die wir konsumieren, sei schädlich und begünstige zahlreiche Erkrankungen.“
Hier zieht die Brancheninitiative Aussagen von Prof. Dr. Joerg Meerpohl heran, der Medizinischer Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin an der Universität Freiburg, Wissenschaftlicher Direktor des unabhängigen Netzwerks Cochrane Deutschland und Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist.

Reiter zitiert die ausführliche Erläuterung der „Gründe für unsere Empfehlung, den Verzehr von unverarbeitetem roten Fleisch oder von verarbeitetem Fleisch beizubehalten und nicht zu reduzieren.“ Prof. Meerpohl stellt klar, dass sich das Gremium ausschließlich auf die mit Fleisch verbundenen gesundheitlichen Folgen konzentriere und weder den Tierschutz noch Umweltaspekte berücksichtige: „Zusammen genommen rechtfertigen diese Beobachtungen eine schwache Empfehlung für die Beibehaltung des derzeitigen Verzehrs von rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch.“

Darüber hinaus hätten Forscher der Universität Adelaide in Australien einen Beitrag in der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht, dass der Verzehr von Fleisch erhebliche Vorteile für die Gesundheit und die Lebenserwartung der Menschen insgesamt mit sich bringe. „Die Forscher fanden heraus, dass der Verzehr von Energie aus kohlenhydrathaltigen Pflanzen (Getreide und Knollen) nicht zu einer höheren Lebenserwartung führt, während der Gesamtfleischkonsum dies tut, unabhängig von den konkurrierenden Effekten der Gesamtkalorienaufnahme, des finanziellen Status, der städtischen Vorteile und dem Übergewicht“, so Reiter. Der Anthropologe der Universität Adelaide und Biologe an der Polnischen Akademie der Wissenschaften Dr. Arthur Saniotis, siehe als Co-Autor der Studie deren Botschaft vor allem darin, dass der Fleischkonsum der menschlichen Gesundheit zuträglich sei, solange er in Maßen genossen und die Fleischindustrie ethisch geführt werde.

Aussage 4: „Es fängt ja schon mit der Tierquälerei an. Die Tiere leben in der Regel in Qual, das billige Fleisch ist sonst gar nicht herstellbar.“
Hier verweist Reiter darauf, dass die Tierhaltung in Deutschland unter den Bedingungen der weltweit schärfsten gesetzlichen Anforderungen erfolge. „Neben der amtlichen Überwachung begutachten Prüf- und Sicherheitsorganisationen wie das QS-System regelmäßig und engmaschig die gesamte Kette der Fleischwirtschaft vom Futtermittel bis zur Ladentheke.“
Gleichwohl sei mehr Tierschutz gewollt und machbar: „Die Fleischwirtschaft hat das erkannt, sich bereits vor sieben Jahren mit der Initiative Tierwohl auf den Weg gemacht und konkrete Verbesserungen erzielt. Dies gilt es nun sinnvoll mit der staatlichen Initiative zu verbinden und die Nutztierhaltung in Deutschland zukunftsfähig zu gestalten“, argumentiert die Brancheninitiative der Fleischwirtschaft.

Quelle: fleischwirtschaft.de; VDF

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