Hochwasser-Katastrophe: Noch viel zu tun
Hochwasser-Katastrophe

Noch viel zu tun

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Hat noch viel Arbeit vor sich: Herbert Wieland vor der Räucherkammer, der zerstörten Kühlraumtür und freigelegten Wänden.
Hat noch viel Arbeit vor sich: Herbert Wieland vor der Räucherkammer, der zerstörten Kühlraumtür und freigelegten Wänden.

MAYSCHOSS Der afz-Besuch im Ahrtal – erster Teil. Bei Herbert Wieland ist die Baustelle noch groß. Eine Bildergalerie finden Sie am Ende des Beitrags.

Ein Jahr nach der verheerenden Hochwasser-Katastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz besuche ich mit Dagmar Groß-Mauer das Ahrtal. Die Fleischermeisterin engagiert sich vor Ort als Obermeisterin der ehemaligen Innung Ahrweiler (jetzt Innung Mittelrhein). Die junge Frau aus Kempenich vertritt als Vizepräsidentin des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV) die Ressorts Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam treffen wir die Fleischermeister Herbert Wieland und Christoph Ropertz. Diese Woche berichten wir aus Mayschoß.


Der Weg vom höhergelegenen Kempenich führt durch eine Bilderbuch-Landschaft hinab an die Ahr. Fluss, Ufer, Böschungen und Straßen sind aufgeräumt. Leer- und freistehende Gebäude sowie zerstörte Brücken und eine Vielzahl geräumter Grundstücke zeugen von einer unvorstellbaren Flut, die alles mit sich riss. An Ahr, Erft und weiteren Flüssen starben mehr als 180 Menschen. Herbert Wieland – den wir in seiner ehemaligen Metzgerei in Mayschoß antreffen – spricht von einem Tsunami, weil alles so rasend schnell ging.

Auch heute ist noch erkennbar, dass das Wasser in seinem Anwesen in der Dorfstraße 9 vier Meter hoch stand. Wohnhaus und Fachgeschäft sowie die rückwärtigen Betriebsräume befinden sich etwa 120 Meter von der Ahr entfernt. Zehn Tage war der Ort von der Außenwelt abgeschnitten, berichtet der 60-Jährige. Ein Jahr später ist der studierte Ökotrophologe einer von nur noch fünf Bewohnern in seiner Straße. Viele Nachbarn sind weg, zahlreiche Gebäude um seinen Betrieb wurden abgerissen. Der Meister darf bleiben. Der Wiederaufbau zieht sich: Es fehlen beispielsweise Gutachten, Handwerker und Baumaterialien. Dabei hatte Herbert Wieland im Jahr 2020 alle Versicherungsverträge auf den aktuellen Stand bringen lassen. Dennoch musste er an seine Altersvorsorge, um „flüssig“ zu bleiben.

Geänderte Nutzung: Flächen für Büroräume.
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Geänderte Nutzung: Flächen für Büroräume.
Die Fliesen in den ehemaligen Produktionsräumen sind abgeschlagen, der Schutt entsorgt. Nach drei Tagen Reinigung habe die alte Bastra wieder funktioniert und ein Lächeln zeigt sich im Gesicht des Meisters, als er berichtet, dass er Mettwurst für den Eigenbedarf habe räuchern können. Bis zu einer offiziellen Inbetriebnahme seiner Fleischerei dauert es noch. Daraus macht Wieland keinen Hehl, der sich nicht mehr auf fixe Termine festlegen möchte. Die Räume seines ehemaligen Fachgeschäfts hat er saniert, um sie als Büro vermieten zu können. Sein Ziel ist der Wiederaufbau seiner Produktion mit Hofverkauf. Alles etwas kleiner, damit der Meister-Absolvent von Heyne seinen Betrieb alleine weiterführen kann. Vor der Flut arbeiteten mit ihm sieben Mitarbeitende in der Zerlegung und Wurstküche. Er habe seine Beschäftigten entlassen müssen, berichtet der Fleischer schweren Herzens. Es gab zunächst keine Perspektive im Angesicht der gewaltigen Zerstörungen. Auch ein Ende sei nicht absehbar gewesen. Drei Wochen ohne Strom, vier Wochen ohne Wasser seien eine Herausforderung gewesen.

Bekannt ist Wieland über die Landesgrenzen hinaus für seine Fleischwurst. Als er vor kurzem eine Charge bei einem Kollegen produzierte, hatten die Kunden Tränen in den Augen – er selbst auch. Auf die Frage was ihn antreibt und hält muss er nicht überlegen: „Das ist mein zu Hause“.
Große Hilfe aus dem Fleischerhandwerk

Die Kollegenhilfe in der Not war enorm. Alleine die Stiftung des Fleischerhandwerks des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV) sammelte etwas mehr als 300.000 Euro an Spendengeldern ein. So konnte der DFV insgesamt 17 von der Flutkatastrophe betroffene fleischerhandwerkliche Betriebe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz unterstützen. Je nach dem Grad der Verwüstung erhielten die Fleischereien unterschiedlich hohe Beträge. In keinem Fall konnte die Unterstützung jedoch die Schäden wirklich signifikant ausgleichen, so DFV-Hauptgeschäftsführer Martin Fuchs gegenüber der afz. Die Gelder wurden als äußerst hilfreich angesehen und dankbar angenommen: „Vor allem, weil die Hilfe schnell geleistet wurde.“

Lesen Sie auch den Kommentar „Schluss mit Zögern – jetzt heißt es anpacken und umsetzen“ von afz-Chefredakteur Jörg Schiffeler.

Über den Besuch in der Metzgerei Ropertz in Ahrweiler berichten wir hier: „Neues Leben nach der Flut“.
 

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 32/2022

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