30 Jahre Deutsche Einheit: Gemeinsam stärker ...
Jörg Schiffeler
30 Jahre Deutsche Einheit

Gemeinsam stärker und vielseitiger

Dienstag, 06. Oktober 2020

FRANKFURT Beinahe wäre der Tag der Deutschen Einheit vor lauter ASP- und Corona-Meldungen in Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen untergegangen.

Das größte Ereignis der jüngeren Geschichte markiert eine Zeitenwende – auch für das Fleischerhandwerk, Schlachter und Zerleger sowie Fleischverarbeiter. Die friedliche Revolution in der DDR führt bis heute vor Augen, was Bürger erreichen können, die zusammenhalten. Eine Eigenschaft, die auch in Zeiten der gefährlichen Pandemie gefragt ist.


Welche Möglichkeiten sich aus der Öffnung der Berliner Mauer ergeben würden, das ahnte kaum jemand am 9. November 1989. Hinter dem schnellen Vollzug der politischen Einheit Deutschlands stand damals wie heute eine große Mehrheit. Was 1990 völlig im Unklaren blieb, war die bevorstehende Mammutaufgabe, zwei diametral entgegengesetzte Wirtschaftssysteme zusammenzubringen, wie es der ehemalige Schatzmeister des Deutschen Fleischer-Verbands, Kurt Härtel, in einem Gastbeitrag der aktuellen afz 41/2020 beschreibt.

Die Metzger aus Ost und West fanden sich in großer Euphorie und mit einer ausgeprägten Neugierde wenige Tage vor dem 3. Oktober 1990 in Frankfurt am Main zum Deutschen Fleischer-Verbandstag zusammen. Zu den Landesinnungsverbänden in der alten „Bonner Republik“ formierten sich Neu- und Wiedergründungen aus den „neuen Bundesländern“.

Zu den Erkundern aus dem Westen gehörte der Frankfurter Obermeister Jürgen Heyne. Er knüpfte bereits in der ersten Stunde Kontakte und lud die neuen Kollegen in seine Fachschule ein, wo die zwangsweise auf 30 Wurstsorten verpflichteten Fleischer mit neuen Rezepturen für ein 130 Spezialitäten umfassendes Sortiment vertraut gemacht wurden. Ein anderer Pionier war afz-Redakteur Günther Weisenberger. Er versorgte neugierige Fleischer im Osten in der ersten Phase mit Freibezügen seiner afz - allgemeine fleischer zeitung, packte den Kofferraum seines Wagens voll mit Fachbüchern und fuhr immer wieder gen Osten. Es war klar, dass ein von technologischer Entwicklung abgeschnittenes Gewerbe ein Informationsdefizit aufholen musste. Es war aber auch überraschend, welche Kompetenz die Handwerker in der DDR bewahrt und weiterentwickelt hatten. Legendär war die Improvisationsfähigkeit bei Produktionsschritten, für die im „Westen“ längst Maschinen zuständig waren.

Bis heute ist die Struktur zwischen Ostsee und Erzgebirge sowie zwischen Harz und Oder eine andere als im Westen der Bundesrepublik. Das wurde beispielsweise im vergangenen Jahr spürbar, als sich Danish Crown dazu entschloss, am Standort Teterow (Landkreis Rostock) keine Schweine mehr an die Haken zu bringen. Seither ist es für die Fleischer sehr viel schwieriger, den wertvollen Rohstoff zu beziehen. Warum? Zwischen Schlachthof und Metzgerei oder auch der Wurstfabrik fehlt der Fleischhändler, was sich Viele zwischen Nordsee und Alpen immer noch nicht vorstellen können.

Wenn nach der Zeitenwende auch nicht alles in Harmonie verlief, wie der ehemalige afz-Redakteur Jürgen Richter in seinem Rückblick in der afz 41/2020 festhält, so wussten viele Bürger neue Chancen zu nutzen. Eberswalder, Die Rostocker, LFW Ludwigsluster, Puttkammer Fleischwaren, Die Thüringer – um eine kleine Auswahl zu nennen – bereichern das ganze Land mit Spezialitäten, die wir aus Frankfurter Sicht so nicht kannten. Umgekehrt sollte das ebenso gelten. Auch die Fleischer aus Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bringen eine Menge Vielfalt ins gesamtdeutsche Fleischerhandwerk ein. Die Liebe zur Wurstkultur tragen alle Meister in sich. Diese Stärke gilt es zu nutzen, damit auch jetzt wieder Neues für die Zukunft entstehen kann. Beispielsweise eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierstrategie, eine klimaneutrale Produktion – auch durch dezentrale Strukturen.

Ein Dank für die Unterstützung zu diesem Meinungsbeitrag gilt afz-Urgestein Jürgen Richter.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 41/2020
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