Pro: Wer bestellt, der bezahlt
Sandra Sieler
Pro

Wer bestellt, der bezahlt

Dienstag, 09. März 2021

FRANKFURT Die in der vergangenen Woche präsentierte Machbarkeitsstudie zu den Vorschlägen der Borchert-Kommission sorgt für Sprengstoff in der Diskussion. Die Transformation der Nutztierhaltung stößt zwar auf breiten Konsens, nicht aber die Wege der Finanzierung.

Ohne die Beteiligung der Verbraucher kommen wir nicht voran in der Nutztierhaltung. Zwar herrscht ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass es den Tieren im Stall gut gehen muss. Doch wenn der Konsument am Regal oder an der Theke steht, sitzt ihm das Hemd näher als die Hose und er greift zum preislich günstigeren Produkt. Wenn es um den Tierschutz geht, will der Bürger viel, bezahlen will er aber wenig.

Einen eindrucksvollen Beleg für diese Schizophrenie des Verbrauchers, auch als Consumer-Citizen-Gap bezeichnet, lieferte zuletzt der „Bauern-Soli“, den Lidl und Kaufland auf ihre Fleischprodukte aufschlugen, um den Erzeugern einen besseren Preis zu zahlen. Die Produkte lagen wie Blei in der Theke, der Kunde versorgte sich scheinbar woanders, dort – Sie ahnen es – wo Schnitzel, Hack und Co. billiger zu haben waren. Kurzum: Der Händler kassierte das an sich lobenswerte Projekt wieder ein.
Wir brauchen tiergerechtere Ställe, das ist neben dem gesellschaftlichen auch der politische Wille. Einer muss den Umbau allerdings auch finanzieren. Den Landwirten die Rechnung zuzuschieben erscheint sicher logisch, der Plan wird aber nicht aufgehen. Die vergangenen Jahre mit niedrigen Preisen haben den meisten Tierhaltern kaum kostendeckendes Arbeiten ermöglicht, die Kapitaldecke ist aufgezehrt. Schon jetzt sind viele Mäster und Ferkelerzeuger ausgestiegen. Das ist gefährlich, schließlich wollen wir die Fleischerzeugung doch hier in Deutschland halten, wo wir selbst die Standards setzen und sehen können.

Laut dem Borchert-Papier übernimmt der Bund 80 bis 90 Prozent der Kosten für den Stallumbau. Das ist ein enormer Anreiz. Und den braucht es, um in Sachen Tierschutz und Tierwohl im Stall voranzukommen. Weder die Land- noch die Fleischwirtschaft können sich diese offene Flanke noch lange leisten. Je länger Bilder von eingepferchten und teils kranken Tieren in engen Ställen kursieren, desto größer wird der Reputationsverlust beider Branchen. Immer mehr werden dem System den Rücken kehren und in ihrer Ernährung auf Fleisch verzichten. Leider macht da auch nicht jeder einen Unterschied zwischen der Ware aus Supermarkt und Discounter und der aus regionaler Erzeugung und handwerklicher Bearbeitung. Der Umbau muss endlich Fahrt aufnehmen. Dazu braucht er eine verlässliche finanzielle Grundlage.
Lesen Sie zum Thema „Ist ein Fleisch-Soli sinnvoll“ auch ein Contra von Jörg Schiffeler:
Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 10/2021
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