Russland-Embargo: Keine Hoffnung auf den Aufs...
Elena Beier
Russland-Embargo

Keine Hoffnung auf den Aufschwung

Montag, 14. Dezember 2015

KÖLN Die Prognosen für die Entwicklung der russischen Wirtschaft bis Ende 2016 sind selbst in Russland recht unerfreulich. Eine politische Kursänderung in Moskau, ohne die es auch wirtschaftlich nicht aufwärts gehen wird, ist nicht in Sicht.

Insbesondere im Hinblick auf die kommende Messe IFFA in Frankfurt am Main fragt sich die Branche, wie es weiter gehen soll. Doch eine eindeutige Antwort für alle Beteiligten kann es unter den aktuellen Umständen in Russland nicht geben. Manche Maschinenhersteller richten ihr Augenmerk daher schon auf Regionen wie Lateinamerika.


Vor mehr als zwei Jahren hat Russland den politischen Kurs auf eine offene Konfrontation mit dem Westen aufgenommen. Doch die ersten deutlichen Anzeichen für wirtschaftliche Stagnation waren bereits vorher da: Starke Ausrichtung auf Rohstoffexporte, Kapitalflucht, fehlende Rechtssicherheit und hohe Zinsen gepaart mit Korruption und Vetternwirtschaft lieferten einen Hintergrund, vor dem die schrumpfenden Wachstumszahlen nicht überraschend waren.

Die äußeren Umstände – wie die westlichen Sanktionen und der Erdölpreisverfall – gepaart mit den hohen Staatsausgaben für die Ukraine-Affäre und nun auch den Syrien-Einsatz haben die negative Entwicklung weiter beschleunigt. Auch die Gegensanktionen im Lebensmittelbereich schadeten Russland vorerst mehr als sie nutzten. Das politische Taktieren des Kremls mit dem Ziel, einen Keil zwischen die EU und den USA zu treiben, hat ebenfalls keine nennenswerten Erfolge gebracht.

Die traurige Bilanz: Die allgemeinen wirtschaftlichen Prognosen bis Ende 2016 sehen für Russland und somit auch für das Russlandgeschäft düster aus. Und zwar nicht nur für die Länder, die unter die russischen Gegensanktionen fallen.

Potemkinsche Dörfer statt „Importersatz“

Setzt man sich mit den offenen russischen Nachrichten-Quellen auseinander, bietet sich ein sehr differenziertes und detailreiches Bild der aktuellen Lage: Während die staatsnahen Publikumsmedien das Thema „Importersatz“ seit der Einführung der russischen Gegensanktionen mit einzelnen Erfolgsmeldungen hochschaukelten, lieferten Fachmedien stets nüchterne Zahlen und berichteten von Zuständen, die die reale Entwicklung bereits erahnen ließen.

Nun aber ist es offiziell: Der russische Bundesrechnungshof veröffentlichte Anfang November 2015 seine Stellungnahme zum geplanten Budget für 2016. Zahlen und entsprechende Analysen, die der Behörde vorliegen, lassen schlussfolgern, dass das vorgelegte Staatsbudget 2016 „keine adäquate Antwort“ auf das aktuelle Problem des Defizites von Rohstoffen in der einheimischen Milch- und Fleischindustrie liefere, das wiederum durch die russischen Gegensanktionen entstanden sei. Die einheimischen Produzenten vermochten nicht, dieses Defizit im notwendigen Umfang zu decken.

Ein Teil der Kapazitäten in der verarbeitenden Industrie blieb daher unausgelastet, hieß es weiter im veröffentlichten Papier der Behörde. In einer Erklärung dazu wurde zusätzlich angemerkt, dass die sinkende Kaufkraft der Bevölkerung die Entstehung der Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln verhindern würde: „Vor allem die bereits Armen verarmen derart, dass sie sich kein Rindfleisch mehr leisten können, weswegen die Nachfrage das Angebot nicht übersteigt“, so ein Vertreter der Behörde gegenüber der russischen Presse.

Diese Aussage deckt sich mit den Zahlen der Fleischlieferanten aus Lateinamerika, die zwar zeitweise ihre Sonderstellung auf dem russischen Rindfleischmarkt nutzen konnten, jedoch bald feststellen mussten, dass der Rubel nicht mehr wirklich rollte. So verzeichneten Paraguay und Brasilien von Januar bis August 2015 einen Exportrückgang nach Russland von über 40 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr. Für Uruguay schrumpfte der Anteil der Rindfleischexporte in die Russische Föderation bis August 2015 von acht Prozent im Vorjahr auf gerade mal zwei Prozent. Im Klartext bedeutet das keine große Hoffnung für die europäischen Fleischexporteure – auch im Falle der Aufhebung der Sanktionen. 

Wenig Spielraum für Investitionen

Dass die Importzahlen sich in den vergangenen zwei Jahren kontinuierlich nach unten entwickelt hatten, war nur zum Teil der Eigenproduktion zuzuschreiben. Entgegen den russischen Erwartungen verlangsamte sich sogar die positive Entwicklung im Bereich Schweinefleisch- und Geflügelproduktion, denn die Investitionen in diesem Bereich gingen auch angesichts der schwindenden Konkurrenz aus dem Ausland zurück.

Die Vertikalisierung und die weitere Konzentration der russischen Fleischbranche schritt vor diesem Hintergrund voran, was vereinzelt sogar attraktive Aufträge für Hersteller von Investitionsgütern brachte. Doch diese Ausnahmen dürfen nicht über die allgemeine Lage täuschen. Rubelkurs-Schwankungen, ungünstige Konditionen für die Finanzierung und grundsätzlich fehlende Planungssicherheit reduzieren den Kreis der potenziellen Kunden in Russland enorm und verschärfen die Konkurrenz unter den Anbietern: Sogar die ganz großen russischen Betriebe, die Geld haben, verhandeln heute viel härter als noch ein paar Jahre zuvor und drücken die Preise, berichten Insider.

Die Autorin
Elena Beier war bis 2005 als freie Journalistin im Bereich internationale Politik und Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Russland/GUS unter anderem für den Deutschlandfunk (DLF), den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und für die Deutsche Welle (DW) tätig. Derzeit betreibt sie eine Agentur für Public Relations mit dem Schwerpunkt Russland/Fleischwirtschaft.
Auch auf der AgroProdMash im Oktober 2015 war die Stimmung verhalten optimistisch: Das Geld sitzt nicht mehr so locker wie früher und besonders gefragt sind schlanke, clevere Lösungen, da die Betriebe angesichts der voranschreitenden Verarmung der einheimischen Bevölkerung vor neuen Herausforderungen stehen.

Dieser Bedarf wird auch in der russischen Fachpresse zunehmend thematisiert und mit konkreten Zahlen untermalt: „In einzelnen Regionen sank die Nachfrage nach Fleischprodukten im ersten Vierteljahr 2015 um bis zu 40 Prozent. Dieser Entwicklung setzten die russischen Betriebe eine Verringerung des Sortimentes (teilweise bis zu 60 Prozent bei Wurst und Fleischwaren) entgegen und suchten gleichzeitig nach Möglichkeiten der Effizienzsteigerung in der Fleischgewinnung und -verarbeitung, so Anatoli V. Morozov, Vorsitzender des Verbandes der Fleisch verarbeitenden Industrie (Zeitschrift Mjasnaja Industrija [Meat Industrie] 9/2015, Moskau).

Diese Entwicklung öffnet zusätzliche Chancen für Dienstleister (auch und vor allem aus dem Ausland), die entsprechende Angebote im Bereich Beratung und Service parat haben. Und in der Tat berichtete man aus diesem Segment im ausgehenden Jahr 2015 von einem guten Russlandgeschäft, denn diejenigen, die angesichts der zunehmenden Monopolisierung der Branche bei gleichzeitig sinkender Kaufkraft der Verbraucher überleben möchten, brauchen dringend unkonventionelle moderne Lösungen.

Perspektiven und Alternativen

„Russland verstehen“ bedeutet – neben der Kenntnis der Zahlen und Einschätzung der Informationsquellen – auch die Kunst zu beherrschen, jenseits westlicher Logik und wirtschaftlicher Vernunft denken zu können. Vor diesem Hintergrund ist die Denkweise „Russland hat nicht genug Rohstoffe, deswegen kann das Lebensmittel-Embargo bald gelockert werden“ von Grund auf falsch.

Die aktuelle russische Führung steht nicht in der Pflicht gegenüber dem Wähler, und das Wohl der Bürger reiht sich weit hinter die „geopolitischen Prioritäten“ und Großmachtgehabe ein. Langfristige strategische Planung gehörte noch nie zu Russlands Stärken. Daher ist sogar eine mittelfristige Prognose für Russland schwierig. Klar ist, wenn es weiter geht wie bisher, wäre der Reservefond – Ende 2015 rund 375 Mrd. US-Dollar – spätestens bis 2018 aufgebraucht. Schon heute macht sich das Budgetdefizit der einzelnen Regionen im Alltag bemerkbar.

Das einzige, was die Nation angesichts einer desolaten Wirtschaftslage noch zusammenhalten kann, ist ein permanenter Kriegszustand. Daher ist wohl mit einer baldigen Deeskalation in der Ostukraine und nun auch in Syrien – und somit auch mit der Aufhebung der Sanktionen – nicht zu rechnen. Man kann nur hoffen, dass es politisch nicht noch schlimmer kommt. Hier ist tatsächlich die Politik gefragt, während die Wirtschaft sich nach Alternativen umschauen sollte, statt die Hoffnung auf „Wandel durch Handel“ zu hegen.

Lateinamerika als Alternative zu Russland?

Viele Anzeichen lassen in Lateinamerika eine spannende Entwicklung vermuten: Bilaterale Gespräche mit einzelnen Ländern, laufende Verhandlungen und Zulassungsverfahren, sich häufende Unternehmerreisen und andere Zeichen stehen auf Aufschwung in den Handelsbeziehungen Westeuropas mit dieser Region, die noch vor wenigen Jahrzehnten allgemein als US-amerikanischer „Hinterhof“ galt. Zudem kann heute die historisch bedingte „Vormachtstellung“ der Vereinigten Staaten in Lateinamerika nicht mehr als ein nennenswertes Hindernis für die europäischen Unternehmen betrachtet werden.

Auch wenn Unterschiede von Land zu Land immer noch groß sind, bilden die Tendenzen zum wirtschaftlichen Aufschwung sowie die zunehmende Stabilisierung der politischen Verhältnisse in den meisten Staaten der Region eine Grundlage für steigenden Wohlstand mit entsprechendem Konsum. Andersherum gilt Europa für viele Staaten – allen voran den wichtigen Rindfleischproduzenten – als ein sehr attraktiver Markt. An diesen Schnittstellen könnten gemeinsame Interessen gesucht und durchaus gefunden werden – ob für Rohstofflieferanten oder auch für die Hersteller von Investitionsgütern. Für Letztere wird es angesichts der bevorstehenden IFFA besonders spannend.

Während 2013 zur IFFA noch über 2.700 Fachbesucher aus Russland kamen, womit das Land das Rating der ausländischen Besucher anführte, wird es 2016 wohl für Russland schwer, diesen Spitzenwert zu halten. Auch die Kaufbereitschaft der russischen Kunden wird wohl schrumpfen, denn verheerende Kurschwankungen bei der allgemeinen Tendenz zur Abwertung des Rubels und kaum vorhandene Finanzierungsmöglichkeiten des maroden russischen Bankensystems sowie fehlende Rechts- und Planungssicherheit werden die Investitionsbereitschaft bis auf Weiteres lähmen.

Ein Grund mehr, den Blick für Besucher aus Lateinamerika zu schärfen, denn rechnet man die Besucherzahlen der IFFA 2013 aus den 13 Ländern dieser Region zusammen, kommt man auf eine beachtliche Zahl von 4393 Personen. Diese Zahl ist umso aussagekräftiger, da es auf dem Kontinent bereits einen IFFA-Ableger gibt: Die Tecno Fidta als Internationale Fachmesse der Nahrungsmittelindustrie findet im zweijährigen Turnus in Buenos Aires statt, nächster Termin ist der 20. bis 23. September 2016.

Fazit

Die politische, aber vor allem die wirtschaftliche Entwicklung macht wenig Hoffnung auf eine baldige Erholung des Russlandgeschäftes. Auch bei einer Entspannung der politischen Lage ist mit der Rückkehr zu einstigen Volumina des Exportgeschäftes sowohl für Rohstoffe als auch für die Investitionsgüter nicht mehr zu rechnen.

Wer sich nach Alternativen für die künftigen Jahre umschaut, sollte seinen Blick unter anderem für Lateinamerika als eine Region schärfen, die mit einer Fläche von 20 Mio. Quadratmeter und rund 500 Mio. Menschen eine spannende Zukunft verheißt. Dort sind in der absehbarer Zukunft enorme Potenziale sowohl bei der Fleischproduktion und -verarbeitung als auch beim Konsum zu erwarten, wenn die FAO-Prognose stimmen sollte und die weltweite Fleischproduktion 2050 auf 455 Mio. t steigt. Momentan wird in der Region – von Mexiko bis Chile – tatsächlich in die Landwirtschaft, Lebensmittelherstellung und die entsprechende Infrastruktur bereits kräftig investiert.

Also: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, wie Michail Gorbatschow – wenn auch aus einem anderen Anlass – einst gesagt haben soll.
Quelle: FleischWirtschaft 12/2015
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