Zukunft der Fleischerzeugung: Keine Zeit für ...
Sandra Sieler
Zukunft der Fleischerzeugung

Keine Zeit für langes Taktieren

Dienstag, 26. Januar 2021

FRANKFURT Das System der Fleischerzeugung in Deutschland ist anfällig geworden.

Das hat das vergangene Jahr mit Corona und ASP schlagartig ans Licht gebracht. Das jahrelange Wachsen oder Weichen hat den Bogen überspannt. Nachdem durch die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung die Schlachtkapazitäten hierzulande zwischenzeitlich massiv einschränkt waren, Deutschlands größter Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück für vier Wochen stillstand und dann noch der wichtige Drittlandsexport nach dem ersten Schweinepest-Fall wegbrach, platzten die Schweineställe schnell aus allen Nähten. Gleichzeitig sank der Schweinepreis auf ein für die Mäster schier unerträgliches Niveau, bis heute. Im Sommer waren es die Arbeits- und Wohnbedingungen der Werkvertragsbeschäftigten in den Schlachthöfen, die die Politiker auf den Plan riefen, um in der Branche „aufzuräumen“. Im Herbst war es der Schweinestau, der den Kritikern der Intensivtierhaltung Aufwind gab. Alles in allem eine ungemütliche Situation für Erzeuger wie Schlachtunternehmer. Sie spüren: Der gesellschaftliche und politische Druck steigt, ein Umbau der Nutztierhaltung in der Bundesrepublik scheint eigentlich unaufschiebbar: mehr Tierwohl, weniger Umweltbelastung. Und doch wird wieder um das Wann und Wie gerungen.

Der gemeinschaftliche Ansatz der Initiative Tierwohl ist ein erfolgreiches Projekt. Was wir brauchen, ist dennoch der ganzheitliche Ansatz. Mit dem Vorschlag der Borchert-Kommission liegt immerhin ein Papier auf dem Tisch, das breiten Konsens findet: Konkret schlägt das Netzwerk vor, die Nutztierhaltung in Deutschland langfristig in Stufe 2 (verbesserte Ställe, Außenklima) des Tierwohlkennzeichens zu überführen. Ein „hinreichend großer Marktanteil“ solle zudem die Voraussetzungen der Stufe 3 (Premium) erfüllen. Als Übergangsziele führt der Plan auf, die gesamte Nutztierhaltung im Jahr 2030 mindestens in Stufe 1 (Stall plus: mehr Platz) und im Jahr 2040 mindestens in Stufe 2 transformiert zu haben. 

Damit wäre die Frage des Wann schon mal beantwortet – theoretisch. Denn noch steht die angekündigte Folgenabschätzung des Ministeriums aus. Und die Parteien laufen sich langsam für den Bundestagswahlkampf warm. Die Wahl und die anschließende Zeit der Koalitionsbildung lähmen das politische Geschäft, teils über mehrere Monate, wie wir wissen. Diese Zeit haben wir nicht. Folglich drängen nun vor allem die Landwirte zur Eile. Schließlich könnte ein grün geführtes Landwirtschaftsministerium die Zügel womöglich deutlich straffer anziehen. Doch nicht zuletzt wollen die Viehhalter Planungssicherheit, welche Veränderungen und damit auch Investitionen in den nächsten Jahren auf sie zukommen.

Und so kommen wir zu einer der sensibelsten Fragen: Wer bezahlt das Ganze? Klar ist, dass die Erzeuger auf den Mehrkosten nicht sitzen bleiben dürfen. Muss der Verbraucher also tiefer in die Tasche greifen? Mit einer Art Tierwohlabgabe, wie sie die Borchert-Kommission vorschlägt? Denkbar ist demnach ein Satz von 40 Cent pro kg Fleisch und Fleischerzeugnis. Klingt auf den ersten Blick nicht nach viel. Doch die Deutschen sind an niedrige Preise gewöhnt. Da besteht durchaus die Gefahr, dass der Markt dann von ausländischen Anbietern versorgt wird, die billiger und zu niedrigeren Standards produzieren. Damit wäre niemandem geholfen. Ein internationaler, zumindest aber europäischer Ansatz ist nötig: eine EU-weit verpflichtende Tierwohlkennzeichnung.

Die Grüne Woche war wieder Hintergrund für vollmundige Forderungen und Ankündigungen. Der Bauernverband beklagt die desaströse wirtschaftliche Situation seiner Betriebe. Die Politik plant neue Gesellschaftsverträge und verspricht, die Landwirte nicht allein zu lassen. An greifbaren Ergebnissen aber mangelt es. Trotz Corona und gerade wegen der misslichen Lage der Landwirtschaft muss der Zug jetzt Fahrt aufnehmen.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 4/2021
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