Tierwohl: Wettlauf um die Zukunft
Renate Kühlcke
Tierwohl

Wettlauf um die Zukunft

Donnerstag, 16. Dezember 2021

FRANKFURT Der System- und Haltungswechsel nimmt Fahrt auf.

Seit Monaten verdienen Landwirte nichts mehr an ihren Schweinen. Entsprechend angespannt ist die wirtschaftliche Situation am hiesigen Schweinemarkt angesichts der sich abzeichnenden Dauerbelastung durch Afrikanische Schweinepest (ASP), coronabedingten Unwegsarmkeiten in der Lieferkette und generell rückläufigem Absatzmarkt. Vor allem fehlt den Schweinebauern aber eines: Eine Perspektive, wie sie die Tiere künftig halten sollen. Dass ausgerechnet der Lebensmittelhandel mit seinem überraschend einhelligem Bekenntnis zu Schweinefleisch aus rein deutscher Produktion die notleidenden heimischen Schweinemäster unterstützt, ist merkwürdig. 

Der 5xD-Wettlauf hat inzwischen beeindruckend viele Teilnehmer, weitere werden sicher folgen. Nach Rewe und Aldi hat auch Lidl offiziell angekündigt, bei konventionellem Schweinefrischfleisch alle Artikel entsprechend umzustellen und geht als erster Vermarkter diesen Weg auch bei verarbeiteten Wurstwaren seiner Eigenmarke. Ein weiterer Meilenstein, da die Wettbewerber sich bislang nur auf die Umstellung im Frischfleischsegment fokussieren und beispielsweise Filet oder Biofleisch ausklammern. Der Startschuss fällt bei den Neckarsulmern im ersten Quartal 2022 und damit über ein halbes Jahr früher als bei Aldi.

Ob dieser Wettstreit den Discountern hilft, die stark wachsenden Vollsortimenter auszubremsen, wird sich zeigen. Anders als die Supermärkte haben die Preis-Leistungsoptimierer auf jeden Fall die Fleischmarktmacht, solche Konzepte ohne langwierige Diskussionen umzusetzen. Ein Systemwechsel dieser Art wird allerdings nicht ohne Preisauswirkungen bleiben, und dann stellen sich schon bald wieder ganz alltägliche Fragen, zum Beispiel ob gerade die zur Grillzeit so beliebten Angebote noch gefahren werden können, wenn die Ware aus dem Ausland fehlt.

Es sind merkwürdige Zeiten, die wir gerade durchleben. Die Herausforderungen für die Nutztierhaltung und die Fleischwirtschaft in Deutschland sind enorm und der Transformationsprozess, in dem sich die Unternehmen befinden, ist tiefgreifend. Dies spiegeln auch die im Koalitionsvertrag verankerten Vorhaben der neuen Bundesregierung wider. Mit den neuen politischen Entscheidungsträgern muss die Branche dazu schnellstmöglich ins Gespräch kommen und die politischen Leitplanken verbindlich setzen. Mit dem 5xD-Wettlauf ist die Zukunft nicht zu gewinnen. Gefragt ist Willenskraft und Ausdauer aller Akteure, um die Marathonstrecke hin zu mehr Tierschutz und Nachhaltigkeit zu bewältigen.

Quelle: Fleischwirtschaft 12/2021
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