Umbau der Tierhaltung: Die Menge macht die Pr...
Henrike Schirmacher
Umbau der Tierhaltung

Die Menge macht die Preise

Dienstag, 04. Mai 2021

FRANKFURT Die Agrarwende beginnt im Stall: Deutschland kehrt der gesellschaftlich geächteten „Massentierhaltung“ den Rücken zu.

Das bestätigen die Ergebnisse der Folgenabschätzung des Thünen-Instituts für den Umbau der Nutztierhaltung nach den Vorschlägen der Borchert-Kommission. Trotzdem reden politisch Verantwortliche immer noch um den heißen Brei herum. Zwar solidarisiert sich aktuell ein Großteil mit den unter Druck geratenen Tierhaltern und will entsprechend für auskömmliche Erzeugerpreise sorgen. Doch über die Notwendigkeit bundesweit Tierzahlen zu reduzieren, wird kein Wörtchen verloren. Geschweige denn über die Auswirkung auf die gesamte Wertschöpfungskette. Entsprechend untersucht die Thünen-Studie weder Auswirkungen auf die Schlachtbranche noch auf Fleischgewinnung und -verarbeitung durch eine tierwohlgerechtere Urproduktion.
„Über die Notwendigkeit bundesweit Tierzahlen zu reduzieren, wird kein Wörtchen verloren.“
Henrike Schirmacher, politische Korrespondentin in Berlin
Stattdessen formuliert Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) lieber Sätze wie: „Es gibt kein Recht auf Billgstfleisch“, so die Ressortchefin zur Veröffentlichung der Studie am Montag in Berlin. Sie will entweder die Mehrwertsteuer auf tierische Lebensmittel von sieben auf 19 Prozent erhöhen oder eine mengenbezogene Verbrauchssteuer in Form einer Tierwohlabgabe einführen. Der Präsident des Thünen-Instituts, Prof. Folkhard Isermeyer, ergänzte: „Wenn gesellschaftlich gewollt ist, dass künftig alle Nutztiere in Deutschland auf ein deutlich höheres Tierwohlniveau kommen, dann lässt sich dieses Ziel nicht allein über den Markt erreichen.“ Der Staat solle perspektivisch die Tierwohlauflagen erhöhen und Landwirte durch „verlässliche“ Tierwohlprämien in die Lage versetzen, die erhöhten Kosten zu tragen.

Das stimmt zwar. Denn das Kompetenznetzwerk um den ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert empfiehlt, die deutsche Nutztierhaltung langfristig in die Stufe 2 des geplanten staatlichen Tierwohlkennzeichens zu überführen. Die Kosten würden um mindestens zehn bis maximal 20 Prozent steigen, analysieren die Studienautoren. Denn in der zweiten Stufe sind fast 50 Prozent mehr Platz für Tiere im Stall vorgesehen als es heute üblich ist.

Doch der Lebensmitteleinzelhandel verkauft nach eigenen Angaben 30Prozent mehr Fleischartikel, wenn er mit günstigen Angeboten lockt. Sollten sich tierische Lebensmittel wegen der sogenannten „Tierwohlprämie“ verteuern, dürfte der Lebensmitteleinzelhandel gegensteuern. Den Druck auf die Einkaufspreise bekommen dann wiederum die Tierhalter zu spüren. Sie werden wohl kaum damit rechnen können, dass ein an der Ladentheke gezahlter höherer Preis auch nur ansatzweise über Schlachtereien und Mastbetriebe hinweg freiwillig bis zu ihnen durchgereicht wird.

Das politische Konzept funktioniert also nur, wenn weniger Fleisch auf den Markt dringt. Und das scheint langfristig das unausgesprochene Ziel der Politik zu sein. Die aktuelle Rechtslage bestätigt dies. Denn wer seinen Stall vergrößern will, benötigt eine Baugenehmigung. Verhindert wird das allerdings durch das aktuelle Baurecht und insbesondere durch die immissionsschutzrechtlichen Regelungen in der Luftreinhaltungsvorgabe TA-Luft. In der überwiegenden Zahl der Fälle wird es wohl nur möglich sein, höhere Tierwohlstandards durch einen Verzicht auf Tierplätze umsetzen zu können.
Vor diesem Hintergrund wäre es sinnvoll, auch auf der Schlachtebene räumlich zu entzerren. In Regionen mit niedrigen Viehbeständen und viel Ackerbau würde es sinnvoll sein, Tierställe zu bauen, um Mineraldünger durch wertvolle Gülle zu ersetzen und folglich die Kreislaufwirtschaft regional zu stärken. In der aktuellen Agrarpolitik fehlt aber leider eine strukturpolitische Komponente. Das ist schade, denn nur wenn hier die richtigen Weichen gestellt werden, wird die gesellschaftliche Akzeptanz für die Tierhaltung in Deutschland wieder steigen.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 18/2021
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