Kommentar von
Jörg Schiffeler

Brexit Freundschaften pflegen, Kontakte intensivieren!

Dienstag, 28. Juni 2016
Die spinnen, die Engländer. Das dachten „auf“ Kontinentaleuropa wohl die meisten Menschen. Waren wir naiv, dass wir – die Bürger der Europäischen Union – die Gemengelage auf den britischen Inseln so falsch eingeschätzt haben?

Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Vom Populismus getriebene Politiker, die falsche Behauptungen aufstellen und dabei auf fruchtbaren Boden treffen, oder eine EU-Administration, die die Stärke der Gemeinschaft weder erklären noch überzeugend verkaufen kann. Zu glauben, dass uns das so schnell nicht widerfahren wird, ist grob fahrlässig. Wir müssen nun alle daran arbeiten, die Vorzüge eines freien und offenen Europas zu benennen – und vor allem seine Werte auch zu leben.

„Frieden und Freiheit sind die Begleiter einer florierenden Wirtschaft. Der Brexit rüttelt uns hoffentlich wach! “
Jörg Schiffeler, Chefredaktion afz
Frieden und Freiheit sind die Begleiter einer florierenden Wirtschaft – das wussten Römer, Griechen, Fugger und der historische Handelsbund der Hanse. Der Brexit rüttelt uns hoffentlich wach! Der Ausgang des Referendums trifft ausnahmslos alle. Für circa 90 Milliarden Euro liefern deutsche Unternehmen pro Jahr Waren und Dienstleistungen nach Großbritannien, meldet der Deutschlandfunk. Zusätzlich steht zu befürchten, dass ein schwaches Pfund sämtliche Produkte aus Deutschland teurer werden lässt.
Brexit - Deutscher Fleischexport
(Bild: afz)

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Für unser Land sind die Briten einer der wichtigsten Handelspartner. Sie liegen im Ranking nach den USA und den Niederlanden auf Rang drei. Deutsche Unternehmen beschäftigen in Großbritannien und Nordirland 370.000 Mitarbeiter, und umgekehrt produzieren hierzulande zahlreiche Firmen Waren, die die Insulaner dringend benötigen. Allein der Fleischsektor exportiert Erzeugnisse im Wert von 777,4 Mio. Euro.

Es sind nicht nur die Schlachter und Zerleger, die Schweine- und Rindfleisch als Teilstücke nach England, Schottland, Wales oder Nordirland liefern. Zahlreiche Wursthersteller versorgen die Briten mit den von ihnen hoch geschätzten Frühstücksprodukten wie Bacon und Schinken. Und es gibt fleischerhandwerkliche Betriebe, die nicht nur zu den beliebten deutschen Weihnachtsmärkten ihre Bratwürste auf die Inseln bringen. Nach den Dänen und Holländern sind wir die wichtigsten Lieferanten in diesem Segment.

Die Zentralgenossenschaft des europäischen Fleischergewerbes überraschte in diesem politischen Umfeld mit der Ankündigung, dass ihr die Associated Craft Butchers of Ireland beitreten. Die Frankfurter denken und handeln schon seit vielen Jahren europäisch, denn Genossen und Fleischer wissen, dass wir nicht auf einer Insel leben. Die Zentrag ist eng verbunden mit Frankreich, Luxemburg, Österreich, der Schweiz und künftig auch mit der Republik Irland.
Zentrag - Aufsichtsrat 2016
(Bild: jus)

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Wir tun gut daran, Freundschaften zu pflegen und Kontakte auszubauen. Das Beispiel Zentrag macht im Fleischsektor gerade Mut, denn sie kennt sich mit Nicht-EU-Mitgliedern aus. Schließlich gehören die Mego Schweiz und das Metzger-Center Zürich dem starken Verbund an. Davon profitieren letztlich alle, nicht nur Einzelne.

Der Deutsche Fleischer-Verband pflegt Kontakte zur National Federation of Meat & Food Traders in England und Wales, die wiederum Mitglied im Internationalen Metzgermeister-Verband (IMV) ist. Dieses Engagement stärkt die Position der Fleischer in Brüssel, wenn neue Gesetzesvorhaben von EU-Kommission und EU-Parlament vorgelegt werden. Dann muss die Standesorganisation Einfluss nehmen. Das gelingt umso besser, je geschlossener sie auftreten kann.

Das Beispiel Brexit darf keine Schule machen. Es schwächt am Ende alle Seiten.

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