Kommentar von
Renate Kühlcke

Mindestlohn Das Fleischerhandwerk muss sich emanzipieren

Dienstag, 03. März 2015

Kommentar von Renate Kühlcke zum Mindestlohn

Die Logistikbranche tut es, die Gastronomen tun es, selbst die Bäcker haben fantasievolle und zugleich zweifelhafte Ideen, wie der seit Jahresbeginn in Deutschland geltende Mindestlohn umgangen werden kann und versuchen schon mal, ihre Mitarbeiter in Naturalien zu bezahlen. Minijobber werden angehalten, nicht die vollen Arbeitsstunden zu notieren. Andere sollen das Gleiche in weniger Stunden leisten - oder Kollegen ersetzen, deren Jobs  wegen der erhöhten Lohnkosten gestrichen wurden. Als Krönung werden das Weihnachts- und das Urlaubsgeld  über das ganze Jahr verteilt ausgezahlt und so anteilig auf den Mindestlohn angerechnet.

Seit Jahresbeginn gilt in Deutschland der Mindestlohn. 8,50 Euro für jede Arbeitsstunde werden fällig, das bringt mehr Kalkulationen durcheinander als gedacht, glaubt man denn den in der Öffentlichkeit genüsslich aufbereiteten Einzelfällen der ersten acht Wochen. Dass bislang kein Fleischhandwerker auf der Liste der findigen Arbeitgeber auftaucht, ist  gut so - aber das muss auch so bleiben.

Die Dokumentationspflicht der Arbeitszeit ist das zentrale Instrument, um den Mindestlohn durchzusetzen. Das ist nachvollziehbar. Dass aber dem Fleischerhandwerk strengere Regeln auferlegt werden als anderen, bleibt unverständlich. Die Weichenstellung erfolgte  schon vor Jahren. Es zählt neben dem Gaststätten- und Baugewebe, den Gebäudereinigern und den Messebauern zu den Wirtschaftsbereichen des Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetzes und steht damit unter besonderer Beobachtung.

Anläufe, das Fleischerhandwerk mit seiner eigenen Identität und Unternehmensstruktur hier herauszulösen und als eigenen Wirtschaftssektor zu etablieren, sind bisher erfolglos verlaufen. Locker gelassen werden darf trotzdem nicht. Mit sehr viel Akribie muss es gelingen, die Unterschiede zwischen Handwerk und Industrie gerade im Fleischsektor in den Köpfen von Politik und Gesellschaft zu verankern. Die Zeit arbeitet für das regional aufgestellte Fleischerhandwerk.


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