Kommentar von
Jörg Schiffeler

Ernährung und Umwelt Versuchen wir es mal ohne liebgewonnene Doppelmoral

Dienstag, 14. Januar 2020
Was wollen wir? Wissen wir das? Und wenn ja, sind wir zu Veränderungen bereit? In den kommenden Tagen bietet die Internationale Grüne Woche (IGW) einmal mehr den Rahmen für verbale Auseinandersetzungen, Demonstrationen, Konferenzen sowie eine großartige Leistungsschau der Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Seit vergangener Woche beginnt das Warmlaufen für den Showdown rund um Ernährungsthemen, Fleischkonsum und Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels. Nahezu alle Interessengruppen bringen sich in Stellung, denn schließlich zieht die Berliner Messeveranstaltung Lobbyisten, Politiker, Unternehmer und Verbraucher magisch an, und das zur IGW stattfindende Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) steht in diesem Jahr unter dem agrarpolitischen Thema „Nahrung für alle! Handel für eine sichere, vielfältige und nachhaltige Ernährung.“ 

Hierzulande stellen sich Teile der Gesellschaft dagegen die Frage, was man überhaupt noch essen darf. Weniger aus gesundheitlichen Gründen als vielmehr vor dem Hintergrund von „Fridays-for-Future“ und um die Umwelt nicht weiter zu belasten. Es gibt zahlreiche Ideen, wie das gelingen kann. Neben vielen möglichen Stellschrauben wie Heizen und Verkehr beispielsweise wird der Ernährung – und vielmehr noch den Konsumgewohnheiten – ein bedeutender Einfluss auf das Weltklima zugeschrieben.

So wird von einigen Interessengruppen die Abkehr von der Massentierhaltung verlangt und der Kauf von mehr Produkten aus der Region gefordert. Das gefällt insbesondere den Betrieben des Fleischerhandwerks, weil sie seit jeher auf regionale Wirtschaftskreisläufe setzen und nicht selten in Partnerschaft mit Landwirten genau den Rohstoff vor Ort produzieren, der später fürs Fachgeschäft benötigt wird. Das ist jedoch nur die eine Hälfte des Markts – wenn überhaupt. Den anderen Teil bedienen Discounter und Supermärkte mit ihren Angeboten, die vielen Bürgern preiswerter erscheinen als sie es oft tatsächlich sind. Zweifellos lockt der Handel immer wieder mit Preisknüllern. Und auf die sind wiederum nicht wenige Mitmenschen angewiesen, weil die Unterstützung durch die Sozialämter überschaubar ausfällt.

Julia Klöckner - BU LM-Qualität
(Bild: imago images / photothek)

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Schnäppchenkultur Besser heißt auch teurer

In der gesellschaftspolitischen Debatte für ein besseres Klima setzen die einen auf die Selbstbestimmung der Menschen und die anderen auf die Lenkung der Staatsbürger durch Abgaben und Kaufanreize. Das funktioniert in den allerseltensten Fällen. Wenn Bundesernährungsministerin Julia Klöckner und Bauernpräsident Joachim Rukwied die Schnäppchenkultur bei Nahrungsmitteln an den Pranger stellen, kommt das allen Betrieben im Ernährungssektor zu Pass. Insbesondere wenn Sätze fallen wie „Wer gute Lebensmittel will, muss mehr zu zahlen bereit sein.“ Die Sache hat einen Haken: Die Realität an der Ladenkasse ist eine andere und was bedeutet ‚gut‘?
„Es werden immer neue Anforderungen formuliert, ohne eine ganzheitliche Nutztierstrategie überlegt zu haben.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Wie aber kann die Gesellschaft ihrem eigenen Anspruch gerecht werden? Das gilt auch für den Dauerbrenner Tierwohl. Es werden immer neue Anforderungen formuliert, ohne eine ganzheitliche Nutztierstrategie überlegt zu haben. Wir schaffen Plastiktüten ab, greifen im Regal aber munter bei verpackten Artikeln zu. Wir wollen das Klima schützen, während Kreuzfahrten und SUVs boomen. Wir fordern Qualität aus der Region und sind doch Schnäppchenjäger. Ist die Gesellschaft noch nicht bereit für den Wandel?

Vielleicht kommt der Mensch einfach nicht aus dem Dilemma zwischen gesellschaftlichem Anspruch und eigenem Tun heraus. Ein Ansatz wäre mehr Ehrlichkeit. Erstens: Menschen mögen Fleisch. Zweitens: Der Appetit auf alternative Proteine wird größer. Drittens: Lebensmittel dürfen kein Luxusgut für Privilegierte werden. Viertens: Die Industrieländer tragen Verantwortung für die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln. Jeder Einzelne ist gefordert; Deutschland und die EU brauchen aber ein globaltaugliches Konzept.

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