Kommentar von
Jörg Schiffeler

Ernährungsreport Julia Klöckner mangelt es an Entschlossenheit

Dienstag, 15. Januar 2019
Rechtzeitig zur Internationalen Grünen Woche präsentierte die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, den Ernährungsreport ihres Ressorts.

Das Kabinettsmitglied möchte „mit einer fundierten Gesamtstrategie für Ernährung die gesunde und bewusste Wahl zur einfachen Wahl machen“ – so steht es im Prolog des 32-Seiten starken Ergebnisberichts. Zwei Fragen drängen sich auf. Erstens: Was bedeutet nun gesund und bewusst einkaufen? Und zweitens: Welche Gesamtstrategie meint die CDU-Politikerin wohl? An Vorhaben mangelt es im Agrarressort nicht. Im Fokus stehen Tierwohl und Kennzeichnung, Haltungsformen, Reduktion von Fett, Zucker und Salz sowie Bienenschutz, Glyphosat und Gülleverordnung. Aber es fehlt an Entschlossenheit und Verbindlichkeit. Die Beharrungskräfte sind stark ausgeprägt, und der Einfluss der Lobbyisten wirkt, so dass die Bundesregierung – wie so oft – auf die Selbstverpflichtung einer Branche setzt. Wie gut das schlussendlich funktioniert, zeigt das Beispiel Automobilindustrie. Das Wahlvolk kann dem wenig abgewinnen und reagiert auf die Regierenden mit wachsender Skepsis.

Zurück zum Ernährungsreport: Lecker und gesund soll es sein. Das ist die Kernbotschaft, die Julia Klöckner der Öffentlichkeit übermittelte. Das klingt gut. Es beruhigt zunächst einmal die Gemüter der Ernährungsindustrie und ebenso die der Bäcker, Metzger, Konditoren und von allen, die mit Lebensmitteln handeln oder diese servieren. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass der Staat eingreift und lenkt. Schließlich wollen sich die Bürger nicht bevormunden lassen. Das ist die Lehre aus dem Vorstoß für einen Veggie-Day von Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 2013, der damals für reichlich Wirbel sorgte.

Ernährungsreport - Klöckner
(Bild: Jürgen Struck, az)

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Ernährungsreport Lecker und gesund soll es sein

Für mich fördert der Ernährungsreport drei wichtige Aspekte zu Tage. Erstens: Es gibt viele Konsumgewohnheiten und keinen eindeutigen Ernährungsstil. Drei Viertel der Bundesbürger vertrauen den Herstellern von Lebensmitteln. Und aller Bequemlichkeit zum Trotz, kaufen sie gern ein – wenn auch seltener pro Woche. Fleisch und Wurst kommen bei 28 Prozent der Befragten auf die Teller. Das ist weniger als noch 2017. Zu den Leibspeisen gehören nach wie vor Braten, Schnitzel und Gulasch. Nur zehn Prozent kochen nie. Zweitens zeigt der Report deutlich, dass die Generationen hierzulande sehr unterschiedlich ticken. So essen Ältere anders als die Jüngeren. Während sich Ruheständler mehr Zeit zum Essen nehmen (können) und nicht wenige aus dieser Gruppe auch wieder öfter selbst kochen wollen, setzen die Millennials stärker auf Lieferdienste und fleischfreie Alternativen.

Zum Dritten: Was bedeutet nun bewusst einkaufen? Diese Frage ist eng verknüpft mit den Angaben zu Lebensmitteln, die den Verbrauchern wichtig sind. Hierbei muss zwischen freiwilligen und verpflichtenden Informationen differenziert werden. Wichtig ist den Befragten eine artgerechte Tierhaltung, der schonende Umgang mit Ressourcen, faire Löhne, die Qualität der Produkte sowie eine umweltschonende Produktion, die Pflege ländlicher Räume, eine höhere Transparenz der Betriebe sowie die Reduzierung schädlicher Emissionen.
„Egal ob Nutztierstrategie oder Haltungskennzeichnung: Ohne ordnungspolitische Maßnahmen, bleiben Schlupflöcher, die für Frust sorgen. “
Was leiten wir daraus ab? Alle, die „Mittel zum Leben“ erfolgreich in Verkehr bringen wollen, müssen sich auf veränderte Konsumgewohnheiten der Verbraucher einstellen. Den Fleischermeistern kommt zu Pass, dass Geschmack und Gesundheit einen sehr hohen Stellenwert in der Bevölkerung genießen und Produkte aus der Region für eine steigende Nachfrage sorgen. Auch für die gewünschte einfache Zubereitung des Essens, haben Handwerksbetriebe Lösungen. Hier lassen sich neue Umsätze rund um das Thema Convenience realisieren. Die Regierenden und Politiker dürfen, ja sie müssen mutiger werden. Egal ob Nutztierstrategie oder Haltungskennzeichnung: Ohne ordnungspolitische Maßnahmen, bleiben Schlupflöcher, die für Frust sorgen.

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