Kommentar von
Sandra Sieler

Grünbuch Lieber früher handeln als später unter Druck stehen

Dienstag, 03. Januar 2017
Ein neues Jahr beginnt meistens mit guten Vorsätzen. Der eine will mehr Sport treiben, der nächste gesünder essen – und Politiker wollen mehr für ihre Wähler tun.

So ist wohl die hohe Schlagzahl an Ankündigungen zu verstehen, mit denen der Landwirtschaftsminister 2016 beendete und ins neue Jahr startete. Erst sagte er Bezeichnungen wie dem vegetarischen Schnitzel und der veganen Leberwurst den Kampf an, dann warb er für Schweinefleisch in allen Schulkantinen. Und mit seinem Grünbuch will der Minister das ramponierte Image der Landwirtschaft – und insbesondere das der Nutztierhaltung – wieder etwas aufpolieren. Im Herbst 2017 sind Bundestagswahlen. Es scheint höchste Zeit, der Stammklientel kleine Geschenke zu machen.

Bei allem Wahlkampfgetöse: Das Grünbuch spricht als Leitfaden für die Ernährungs- und Agrarpolitik der nächsten Jahre die richtigen Themen an. Es geht darum, die landwirtschaftlichen, aber auch die nachgelagerten handwerklichen Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Und da haben beide Seiten viel vor sich, die Wirtschaft ebenso wie die Politik. Denn die Transformation der Landwirtschaft bei gleichzeitigem Erhalt regionaler und handwerklicher Strukturen wird nicht gelingen ohne den Antrieb durch den Gesetzgeber einerseits und unterstützende Maßnahmen oder Programme andererseits. 

Bundesminister Christian Schmidt
(Bild: BMEL / photothek.net / Michael Gottschalk)

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Grünbuch Vorreiter in Sachen Tierwohl

Neue Impulse für den Dauerbrenner Tierwohl gibt gleich zum Jahresauftakt die Grüne Woche in Berlin. Dort will Minister Schmidt sein staatliches Tierwohl-Siegel vorstellen, das dem Vernehmen nach die Brancheninitiative der Fleischwirtschaft einbeziehen, sie aber nicht ersetzen will. Wenn das so kommt, greifen politischer Wille und Machbarkeit ineinander. Die Bestrebungen der Wirtschaft würden nicht ausgebremst, sondern honoriert und flankiert. Denn die Unternehmen der Fleischwirtschaft haben sich im Bereich Tierwohl zusammen mit ihren landwirtschaftlichen Lieferanten längst auf den Weg gemacht. Das zeigen auch die zahlreichen privaten Initiativen der Branche, etwa das Offenstall-Konzept von Bedford und Brand oder der Tiergesundheitsbonus, den Müller Fleisch seinen süddeutschen Schweinemästern seit diesem Jahr gewährt.
„Die langfristige Orientierung muss sich die Wirtschaft selbst schaffen, bevor gesetzliche Regelungen greifen. Große Unternehmen gießen das in eigene Markenversprechen. Den Kleineren kann es helfen, wenn der entsprechende Verband ein allgemeingültiges Leitbild vorgibt, so wie es der Deutsche Fleischer-Verband schon vor Jahren getan hat.“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Die langfristige Orientierung muss sich die Wirtschaft selbst schaffen, bevor gesetzliche Regelungen greifen. Große Unternehmen gießen das in eigene Markenversprechen. Den Kleineren kann es helfen, wenn der entsprechende Verband ein allgemeingültiges Leitbild vorgibt, so wie es der Deutsche Fleischer-Verband schon vor Jahren getan hat und gerade dabei ist, es weiterzuentwickeln. In die zentralen Ziele des Fleischerhandwerks sollen aktuelle Themen wie Tierwohl, Umweltaspekte, Gesundheit und Digitalisierung konkreter eingearbeitet werden. Wichtig bei einem Branchenleitbild ist, dass es als Orientierung für alle gilt und möglichst jeder Betrieb sich dem verpflichtet fühlt und daran arbeitet – selbst wenn einer schneller zum Ziel kommt als andere.

Aktuell spüren die Fleischer eine Rückbesinnung auf handwerklich und in der Region hergestellte Lebensmittel. Das hat auch der Bundesernährungsminister erkannt und es in seinem Grünbuch zur Aufgabe der Bundesregierung gemacht, die Vielfalt der handwerklichen Traditionen auf die Zukunft vorzubereiten und die Wertschätzung für die Lebensmittel und ihre Produzenten noch zu erhöhen. Hier bringt Schmidt eine Ausweitung der Regionalkennzeichnung ins Spiel. Das Regionalfenster als typisches Label für die SB-Produkte des Handels dürfte dem regionalen Lebensmittelhandwerk kaum als Marketinginstrument taugen. Hier sind meist die Unternehmen selbst die Marke. Und auf deren Wert zahlt jedes Engagement ein: für Umwelt, für Tierwohl oder für Mitarbeiter.

In all ihren Bestrebungen darf die Wirtschaft im neuen Jahr nicht nachlassen, sollte die Politik aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit an ihre Versprechen erinnern. Damit die guten Vorsätze den Wahlkampf 2017 überdauern.

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