Kommentar von
Jörg Schiffeler

Haltungskennzeichnung Fleisch ist immer eine Frage der Haltung

Dienstag, 03. April 2018
Um das Tierwohl wird in diesen Tagen gerungen, als handele es sich um ein Wunschkonzert.
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Tierwohl Haltungskennzeichnung


Seit drei Wochen bringen sich der Deutsche Bauernverband, die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG), die Brancheninitiative Tierwohl, ein Discounter und die Politik in Stellung.

Genau so lang ist die neue Bundesregierung im Amt. Es drängt sich der Eindruck auf, es gehe um eine Sportart, bei der alle Erster sein wollen. Dem Wohl der Tiere wird man beim Wettstreit um Profilierung in keinster Weise gerecht, und schon gar nicht dürfen die Debatten ums nicht verhandelbare Tierwohl nur durch die Marketing-Brille der Verkaufsargumente betrachtet werden.

Es ist gesellschaftspolitischer Wille, die Tierhaltung in Deutschland neu zu justieren. Seit Jahren wird nach einer Nutztierstrategie gerufen. Ideen haben viele, doch von Einigkeit sind wir in diesem Land noch weit entfernt. Für den Ernährungssektor muss die Arbeit aber genau am Anfang der Erzeugung von Lebensmitteln beginnen: Dort, wo Samen keimt und beispielsweise zu Getreide wächst oder Rinder, Schweine und Federvieh produziert werden. Was wollen wir eigentlich, und wer ist wir? Wie viel Traum ist möglich, ohne sich in einem romantisierenden Blick auf die Landwirtschaft zu verlieren? Was sind wir bereit zu investieren in mehr Tierschutz?

Diese Aufgabenstellung ist so wichtig, dass es in nahezu allen Programmen der Parteien zur Bundestagswahl Positionen dazu gab. Der Schlagabtausch um eine nachhaltige Landwirtschaft, die Menschen und Umwelt nicht belastet sowie Tiere in verschiedenen Stallmodellen hält, beginnt von Neuem. Weil die Bundesrepublik föderal organisiert ist, wird es nicht genügen, Konsens auf Bundesebene zu erreichen. Schon deshalb muss die Debatte vorankommen und auf eine breite Grundlage gestellt werden.

Mit Julia Klöckner haben Agrar- und Fleischwirtschaft eine neue Ansprechpartnerin im vertrauten Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung. Das Haus hatte vor rund einem Jahr bereits Pläne für ein staatliches Tierwohllabel vorgelegt, dessen Eckpunkte immer noch nicht ausreichend mit der Branche und weiteren politischen Zirkeln diskutiert wurden. Wie sonst ist es erklärbar, dass im Wochenrhythmus neue Forderungen für die Haltungskennzeichnung von Tieren aufschlagen?

Schweinehaltung - Sauenhaltung - Sauenhain
(Bild: fl)

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Tierwohlsiegel Mehr Orientierung für Verbraucher

Immerhin bekennen sich die Vertreter des Bauernverbands, der VEZG und die Geflügelwirtschaft zu einer Auslobung der Tierhaltung. Wie positionieren sich der Verband der Fleischwirtschaft, der Bundesverband der deutschen Fleischwarenindustrie und der Deutsche Fleischer-Verband (DFV)? Welchen Anspruch erhebt der Lebensmitteleinzelhandel? Und was wollen hierzulande die Kunden an der Theke und am SB-Regal? 

Unternehmensvertreter, Branchenlobbyisten und Ministerielle sollten sich in dieser Gemengelage dringend sortieren und der Öffentlichkeit einen Schlingerkurs ersparen. Lidl preschte bereits mit einem vierstufigen Konzept für eine Haltungskennzeichnung vor. Ein Dschungel an Labeln kann nicht zielführend sein, und so warnte die neue Bundeslandwirtschaftsministerin vor einer Überforderung der Verbraucher.
„Die Kunden erwarten zu Recht sichere Lebensmittel bei ihrem Einkauf – unabhängig jedweder Auslobungen, die Zusatznutzen versprechen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die Kunden erwarten zu Recht sichere Lebensmittel bei ihrem Einkauf – unabhängig jedweder Auslobungen, die Zusatznutzen versprechen. Neue Siegel können nur eine zusätzliche Orientierung bei der Wahl der Produkte geben.

Nun tickt der Zeitgeist für eine gesetzlich verpflichtende Haltungskennzeichnung bei Fleisch. Was passiert mit Ware, die nicht mit einem staatlichen Siegel zertifiziert wird? Einen geteilten Markt kann man nicht wirklich wollen, zumal Fleisch nur nach genauen gesetzlichen Bestimmungen in Verkehr gebracht werden darf. Die Produktsicherheit zählt in Deutschland zu den obersten Geboten. Hier dürfen Verbraucher nicht verunsichert werden, denn nicht alle Bürger können für Tierwohl-Fleisch mehr Geld in die Hand nehmen.

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