Kommentar von
Jörg Schiffeler

Image Raus aus der Rolle des Sündenbocks

Dienstag, 07. Januar 2020
Das afz-Team und ich wünschen Ihnen ein frohes und friedvolles neues Jahr. 2019 hat sich fulminant verabschiedet und 2020 startete für alle, denen Fleisch und Wurst eine Berufung ist, mit Pauken und Trompeten. Oder waren es vielleicht doch eher deutliche Alarmglocken, die die Branche zum Jahresauftakt aufschrecken lassen sollten?

„Ich achte jeden, der kein Fleisch isst“, ließ die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer die Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) wissen. Gegen die Aussage ist zunächst nichts einzuwenden, auch Fachredakteure dieser Wochenzeitung zeigen diese Haltung, weil wir Menschen achten. Das Wort „kein“ ist jedoch überflüssig, wie eigentlich alles nach dem „Komma“. Die Saarländerin und Bundesverteidigungsministerin wollte eigentlich ihrer Truppe den Rücken stärken, für mehr Verantwortung in Afrika und für „ein CO2-neutrales, digitales und wirtschaftlich starkes Deutschland“ eintreten.

Es kam dann noch dicker. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) sorgte für einen Riesenwirbel in der Republik, weil er einen Kinderchor für eine Satire engagierte, die „unsere Oma“ zur Umweltsau macht. Diese haben wohl die wenigsten verstanden, wie erste Reaktionen in vielen Medien offenbaren. Zahlreiche Demonstrationen gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk brachten ans Tageslicht, wer hinter dem vermeintlichen Aufruhr steckt. Angriffe gegen die Meinungsfreiheit müssen vehement verteidigt werden. Auch von Seiten des Fleischsektors. Spätestens jetzt fragen Sie sich: „Was hat das mit mir zu tun?“ Eine ganze Menge. Der Satiriker Jan Böhmermann meldete sich über den Kurznachrichtendienst Twitter zu der Affäre und stellte fest: „Wer sich jeden Tag billiges Discounterfleisch aufbrät, ist eine Umweltsau.“ 

Die Beispiele offenbaren das ganze Dilemma eines Wirtschaftszweigs, in dem Metzger und Wurstfabrikanten, Schlachter und Fleischhändler, für die sichere Versorgung mit wertvollen Lebensmitteln sorgen. Mit „Fleisch“ ist eben ganz einfach eine aufmerksamkeitsstarke Schlagzeile zu machen. Das bewies diese Woche auch die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast – ebenfalls CDU-Politikerin – mit ihrer Forderung einer Sondersteuer auf Fleisch, um den Umbau der Tierhaltung zu finanzieren. Bereits vor Weihnachten pochten Bündnis 90/Die Grünen darauf, die Fleischproduktion in die Bepreisung von Klimagasen einzubeziehen.

Otte-Kinast
(Bild: Imago Images / Joachim Sielski)

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Was muss eigentlich noch geschehen, damit Fleischerzeuger und Fleischliebhaber nicht ständig zu Sündenböcken diffamiert werden? Wird die Branche wach? Ohne Frage sind wir alle gefordert, einen wirksameren Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Dabei dürfen aber weder die schwächsten Mitbürger noch das wirtschaftliche Rückgrat unseres Wohlstands – Handwerksbetriebe und Industrieunternehmen – mit Schwarz-Weiß-Lösungen überfordert werden. Höhere Produktionskosten belasten die Firmen, und höhere Preise für Nahrungsmittel können nicht von allen Kunden gestemmt werden.
„Ich wünsche mir von der Branche 2020 mehr Stolz, Selbstvertrauen und Zuversicht in die Zukunft.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die Diskussion über eine Nutztierstrategie und den von Klimaschützern geforderten Ausstieg aus der Massentierhaltung kann nicht von einer Hand voll NGOs, Verbraucherschützern und Politikern allein geführt werden. Wir brauchen mehr Miteinander. Und: Lieber mal kurz innehalten anstatt gleich verbal via Social-Media-Kanälen „drauf zu hauen“. Artikulieren Sie einfach mal „Das habe ich so noch nicht betrachtet. Darüber muss ich nachdenken.“ Sie werden feststellen, dass Ihr Kontrahent überrascht sein wird und sich zum konstruktiven Gesprächspartner entwickelt. Möglicherweise gelangt er sogar selbst zu einer anderen Überzeugung.

Daher wünsche ich mir von der Branche 2020 mehr Stolz, Selbstvertrauen und Zuversicht in die Zukunft. Diese Charaktereigenschaften legte der schwäbische Fleischermeister Fidelis Waldvogel an den Tag, in wunderbaren Bildern im Spielfilm „Der Club der singenden Metzger“ nachgezeichnet.

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