Kommentar von
Jörg Schiffeler

Interessensvertretung Wer sich beteiligt, kann auch mitgestalten

Mittwoch, 02. Dezember 2015
Das Tagesgeschäft der Unternehmer verlangt die volle Aufmerksamkeit für den eigenen Betrieb. Da fällt es mitunter schwer, sich in Berufsverbänden, Politik und Vereinswesen zu engagieren – es fehlt an Zeit, vermeintlich.

Das ist allerdings zu kurz gedacht. Zum unternehmerischen Handeln gehört das Einmischen in Sachverhalte, das Einbringen von Ideen sowie das Finden von Lösungen.

Die Diskussion rund um das Transatlantische Freihandelsabkommen ist in Deutschland und Europa aus den Fugen geraten. Nichtregierungsorganisationen haben es geschafft, dass das Chlorhühnchen zum Wappentier des TTIP geworden ist. Politiker und Bundesregierung tragen unterdessen wenig zur Information und Aufklärung von Sachverhalten bei – und das lässt die Skepsis sowohl in der Bevölkerung als auch in Fachkreisen wachsen. Das grundsätzliche Wirtschaftsziel eines Freihandels zwischen den EU-Staaten und den USA gerät in Gefahr.

Das European Meat Forum versuchte Licht ins Dunkel der Verhandlungen um das Abkommen zu bringen. Dafür versammelte der Internationale Metzgermeister-Verband (IMV) Experten im Brüsseler EU-Parlament. Auch wenn es am Ende der Tagung nicht heller um das Hauptthema wurde, so stellte sich doch heraus, dass es außer Vorgesprächen im sanitären und phytosanitären Bereich noch keine Verhandlungen gab. Die Hoffnung, dass im Abkommen die Bereiche Landwirtschaft und Ernährung außen vor bleiben, sollte als Warnsignal verstanden werden.

Was passiert, wenn sich die EU und die USA nicht einigen? Welche anderen Allianzen könnten sich dann bilden? Ist es nicht sinnvoll, sich in die Debatte einzuschalten und Standards für Verbraucherschutz, Tierwohl, Gesundheit, Produktionstechnologien, Sozialwesen und Umweltschutz einzufordern? Wenn wir diese Gelegenheit nicht nutzen, werden uns Produkte aus anderen Weltmärkten dennoch herausfordern. Der globale Warenverkehr findet immer ein Schlupfloch.

Umgekehrt könnten deutsche Qualitätserzeugnisse einen viel unbürokratischeren Einzug in amerikanische Geschäfte erhalten. Dann müsste auch der Westerwälder Metzgermeister Ingo Wedler nicht mehr über den großen Teich reisen, um seine Wurstspezialitäten für ein Volksfest zu produzieren. Wie abhängig auch die deutsche Ernährungswirtschaft von den Weltmärkten ist, hat das Russland-Embargo schmerzhaft spüren lassen.

So sehen Pragmatiker im Fall eines Scheiterns der TTIP-Verhandlungen eine Hintertür in die Vereinigten Staaten mit Hilfe des Ceta-Abkommens zwischen der Europäischen Union und Kanada. Ähnlich dem Hongkong-Türöffner in den chinesischen Markt, könnte dies für Nordamerika zum Zuge kommen.

Dass es sich lohnt, Interessen zu vertreten und Anliegen qualifiziert vorzubringen, zeigt auch die Ankündigung des Bundesernährungsministeriums, schlachtenden Metzgereien die Zerlegung und Verarbeitung von Fleisch in Schlachträumen wieder zu gestatten. Ebenso liegt im Bundesfinanzministerium ein Antrag zur Entlassung des Fleischerhandwerks aus dem Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz auf dem Tisch. Wenn dieser Vorgang positiv entschieden wird, zeigt sich wie wertvoll Interessensvertretung für das unternehmerische Handeln ist.

Das Beteiligen an Diskussionen kostet Kraft und Anstrengung – das gilt für die Innungsarbeit vor Ort wie auch für Arbeit der Spitzenverbände. Am Ende werden aber viele Betriebe entlastet und neue wirtschaftliche Perspektiven zur Weiterentwicklung des eigenen Geschäfts angestoßen.

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