Kommentar von
Sandra Sieler

Konsumverhalten Fleisch bleibt Statussymbol

Dienstag, 21. Februar 2017
In seiner Titelstory „Gewissensbissen“ greift der „Spiegel“ den weltweit steigenden Appetit auf Fleisch und Wurst auf. Denn dieser bleibt nicht ohne Folgen für die Umwelt. Wollten alle 9,7 Mrd. Menschen des Jahres 2050 genauso viel Fleisch verbrauchen wie jeder Deutsche schon heute, wären drei Erden nötig, rechnen die Autoren vor.

Gewohnt kritisch, zugleich aber ausgewogen setzt sich der „Spiegel“ mit dem Fleischkonsum von heute und morgen auseinander. Dabei wird klar: Ein „Weiter so wie bisher“ kann es nicht geben. Das Magazin liefert eindrucksvolle Zahlen, warum die exzessive Viehzucht zusehends Klima und Umwelt gefährdet. „Der Wandel scheint überfällig“, heißt es gleich im Vorspann.

Als mögliche „Ersatzdrogen“ präsentieren die Autoren zwei Lösungen aus dem Labor: pflanzliches Fleisch, das so detailgetreu nachgebaut ist, dass es sich geschmacklich kaum noch vom Original unterscheidet. Und eine in der Petrischale aus Muskelzellen gezüchtete Variante, zum Preis von rund 75 Dollar je Kilo auch fast erschwinglich.

Nach den beklemmenden Zukunftsszenarien der unter Flächenfraß und einer zerstörten Ozonschicht leidenden Umwelt klingen die Fleischalternativen aus dem Reagenzglas scheinbar wie die Lösung aller Probleme. Zugleich ethisch korrekt, muss doch kein Tier mehr beengt und bis zum Exzess gemästet werden. Und den Makel des Tötens hätte man gleich mit eliminiert. Schöne neue Welt.

Blicken wir aber dorthin, wo der Appetit auf Fleisch am schnellsten wächst, kommen doch Zweifel, ob Kunstfleisch aus dem Bioreaktor die Lösung ist: In erster Linie sind es die wirtschaftlich aufstrebenden Nationen wie China und Indien, die jetzt Aufholbedarf haben. Fleisch ist eben ein Statussymbol. Und das muss man ihnen lassen.

Unsere Aufgabe als Industrienation ist es, unsere Tierhaltung auf die richtige Schiene zu setzen. Das wird nur über Einschnitte funktionieren. Die sind aber notwendig. Da haben die Spiegel-Autoren recht. Und der Druck steigt, betrachtet man die nachdrücklichen Ratschläge des Wissenschaftlichen Beirats des BMEL oder die Bundesratsinitiative für eine bundesweite, nachhaltige Nutztierstrategie. Das kann die Schwellenländer vielleicht davor bewahren, in die gleiche Falle zu tappen wie wir.
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