Kommentar von
Jörg Schiffeler

Meinungsfreiheit Keinerlei Scheu vor brisanten Themen

Dienstag, 12. März 2019
Vergangene Woche haben wir völlig unbeabsichtigt einen echten Aufreger verursacht. Was war geschehen? Auf Seite 5 der afz informierte die Rügenwalder Mühle in einer Anzeige über Produkte, die in wenigen Wochen den Weg in den Handel finden werden.

Über redaktionelle Berichte haben sich schon viele Leser echauffiert, genau genommen seit Gründung der Fachzeitung im Jahr 1884. Als die afz 1892 über „Das größte Schlachthaus der Welt“ in Chicago berichtete, wurde das heftig diskutiert. Wenig später fanden erste Studienreisen nach Amerika statt. Die Fachwelt rückte näher zusammen. Als Kathi Littich aus dem niederbayerischen Ergoldsbach im Landkreis Landshut 1912 als erste deutsche Fleischermeisterin ihre Prüfung absolvierte, wurde das von den Lesern mit großem Argwohn begleitet. Die afz, für ihr Rückgrat schon aus der Gründungszeit bekannt, würdigte das hingegen als „Fortschritt, der nicht aufzuhalten ist“. Und viele Jahre später – 1983 – brachte die erstmalige Auseinandersetzung mit dem „Bio-Fleisch“ der Redaktion viel Missfallen.

Auch heute ist es der Ehrgeiz des Redaktionsteams, sich mit den Themen der Zeit kritisch auseinanderzusetzen. Schließlich wollen wir darüber berichten, was Menschen sowie Märkte bewegt und den Betrieben nützt. Beispielsweise zeigte sich die afz streitlustig, als sich die Gemüter wegen des Phosphatproblems erhitzten. Die afz bewies Stehvermögen, sprang ihren Lesern zur Seite und erwirkte so manche juristische Klärung.

„Wir berichten darüber, was Menschen sowie Märkte bewegt und den Betrieben nützt. In ihrer 135-jährigen Tradition steht die afz für Meinungsfreiheit, objektive Nachrichten und aktuelle Entwicklungen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Für viele Fleischer sind vegetarische und vegane Produkte, die sich mit den Attributen der Klassiker von Schwein, Rind & Co. schmücken, ein echtes Ärgernis. Von Anfang an begleiteten wir das Aufkommen fleischfreier Alternativen sehr aufmerksam, denn Fleisch und Wurst sind auch unser Gemüse. Davon zeugen zahlreiche Berichte und Kommentare. Sogar ein ganztägiges Forum veranstalteten wir 2016 unter der Fragestellung „Veggie – Monsterwelle oder Sturm im Wasserglas“ – übrigens eines der stärksten Symposien.

Als sich Bauern und Metzger 2016 verbündeten und Deutscher Fleischer-Verband (DFV) gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband (DBV) einen Antrag auf Änderung der Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse an die Deutsche Lebensmittelbuchkommission stellten, interessierte das nur wenige Medien außerhalb des Fleischsektors. Die afz gab den Fleischern eine starke Stimme im Meinungskonzert aus Gesellschaft, Politik, Verbraucherschützern und Fleischwirtschaft. Ein nicht einfacher Spagat, denn schließlich sind es gerade die Wursthersteller hierzulande, die sich als Meister fleischfreier Alternativen weiterentwickelt haben. Ja, ein wenig stolz dürfen wir sein, dass „unsere Branche“ den Maßstab setzt.
vegetarisch
(Bild: si)

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Natürlich darf es dann bei der Kennzeichnung dieser Produkte nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommen. Denn schließlich verlangen die Verbraucher „Klarheit und Wahrheit“. Die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission sorgte im vergangenen Dezember für diese Klarheit bei der Kennzeichnung von veganen und vegetarischen Lebensmitteln, die tierischen Erzeugnissen ähneln. Seither gibt es für Fleischersatzprodukte in Deutschland klare Spielregeln. Dafür hatten wir uns neben den Verbänden in zahlreichen Meinungsbeiträgen ebenfalls stark gemacht.

Zurück zum Anfang: Bislang haben sich Leser noch nie über Anzeigen beschwert. Das ist jetzt anders. Ein kleiner Shitstorm, auch via Telefon, erreichte uns zur Ausgabe 10/2019. In ihrer 135-jährigen Tradition steht die afz für Meinungsfreiheit, objektive Nachrichten und aktuelle Entwicklungen. Sie will nichts verschweigen oder beschönigen, was in der Branche läuft. Und dazu gehört auch die Werbung. Ob einem das gefällt oder nicht. Wir verstehen, dass die Anzeige bei manchen Lesern Missfallen erregte. Wovor haben Sie Angst? Schließlich entscheidet der Markt, was läuft.

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