Kommentar von
Sandra Sieler

Meister Titel sinnvoll ergänzen statt hochnäsig verunglimpfen

Dienstag, 02. Juli 2019
Der Meister bleibt der Meister. Das wird sich auch mit dem neuen Berufsbildungsgesetz nicht ändern. Der Zusatz „Bachelor professional“ soll aber künftig unterstreichen, dass der Handwerksmeister mit dem akademischen Grad „Bachelor“ auf einer Stufe steht.
Themenseiten zu diesem Artikel:

Anja Karliczek Berufsbildungsgesetz Fleischerhandwerk


Der „Bachelor professional“ wäre eine wichtige Klarstellung für alle Handwerker im Land, die sich profundes Wissen erworben haben und das mit der Meisterprüfung vor einer neutralen Kommission unter Beweis gestellt haben. Um die Pläne der Bundesbildungsministerin wird indes aber noch hart gerungen.

Während die einen um den Ausdruck der praktischen Kompetenz des Meisters bangen, fürchten die anderen um die Exklusivität der akademischen Bildung. Genau dieses Denken aber ist überholt: Gleichrangig bedeutet gleichen Ranges, da gibt es keine Abstufungen. Bürgert sich der „Bachelor professional“ international für die Weiterqualifizierung im Handwerk ein, steht er für Know-how auf Niveau eines Studierten, aber mit der praktischen Kompetenz eines Handwerkers.
Holger Schwannecke  ZDH
(Bild: ZDH/Schüring)

Mehr zum Thema

Gesetzentwurf Der Meister verdient Wertschätzung

Wenn Anja Karliczek ihr Versprechen einlösen will, die berufliche Bildung attraktiver zu machen und auch die weiterqualifizierenden Maßnahmen zu stärken und weiterzuentwickeln, muss sie „Verniedlichungen“, wie sie jetzt der Kulturausschuss des Bundesrats vorgeschlagen hat, schon im Keim ersticken. Einen gestandenen Handwerksmeister als „Junior professional“ betiteln zu wollen, grenzt an Hohn und entlarvt ein überkommenes und elitäres Denken.

Dass Baustellen stillstehen, Häuslebauer wochen- und monatelang auf Maurer oder Anstreicher warten oder dass Metzger Aufträge ablehnen müssen, weil sie kein Personal haben – das zeigt die aktuelle Lage doch nur allzu deutlich: Unsere Gesellschaft ist längst überakademisiert. Was uns fehlt, sind Leute, die anpacken. Was nutzen uns viele fähige Architekten, wenn es am Ende keinen mehr gibt, der eine Wand akkurat hochmauern kann? Was taugen alle guten Tipps vom Ernährungswissenschaftler, wenn wir keinen mehr haben, der gesunde Lebensmittel herstellt?

Durch den hartnäckigen Hang zum Studium hat die duale Berufsausbildung an Ansehen verloren. Völlig zu Unrecht. Denn eine berufliche Ausbildung ist eine solide Basis, die jungen Leuten eine breite Palette an Aufstiegschancen bietet. Hier kann jeder die Karriereleiter individueller erklimmen als es eine universitäre Laufbahn je ermöglichen könnte: näher am eigenen Talent, den beruflichen Erfordernissen und wirtschaftlichen Ansprüchen. Das Studium ist ein Weg zu einer hohen Qualifizierung, ja – aber keineswegs der einzige.
„Einen gestandenen Handwerksmeister als „Junior professional“ zu betiteln, grenzt an Hohn und entlarvt ein überkommenes und elitäres Denken.“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Leider hat sich diese Denkweise noch nicht überall durchgesetzt. Das zu ändern, war unter anderem der Hintergrund für die Gesetzesnovelle, die dieser Tage im Bundestag diskutiert wurde. Das Ziel aufrecht zu erhalten, liegt nun an den Parlamentariern. Die staatliche Initiative allein wird aber nicht reichen, um ein Umdenken in den Köpfen zu erreichen. Da ist vielmehr jeder Handwerker selbst gefragt. Die beste Geschichte erzählt eben immer noch derjenige, der sie selbst erlebt hat. Und Erfolgsstories, welche beruflichen Träume auf der Basis einer Ausbildung in Erfüllung gingen, hat das Handwerk unzählige.

Das unterstreicht zum Beispiel die von der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks angestoßene Kampagne #stolzaufmeinenberuf. In den sozialen Netzwerken findet sie einen überwältigenden Anklang. Etliche aus der Branche machen mit, noch mehr aus dem Kunden- und Bekanntenkreis liken, teilen, unterstützen das selbst gewählte Motto der Fleischer. Auch die Medien stürzen sich darauf.

Ob Betriebsinhaber oder Angestellter, Grill-König oder Cateringgröße, ob Werksleiter oder Qualitätssicherer, ob Redakteur oder Politiker: Viele Karrieren nahmen ihren Anfang mit einer Ausbildung im Fleischerhandwerk. Es wird Zeit, dass sie alle gebührend Respekt und Wertschätzung erfahren.
Das könnte Sie auch interessieren
stats