Kommentar von
Michael Weisenfels

Nährwertkennzeichnung Von Transparenz noch keine Spur

Mittwoch, 19. Juni 2019
Sind Nährwertangaben auf der Verpackung ein notwendiges Übel? Fordert der Verbraucher sie tatsächlich ein?

Dieser Fragestellung ist das amerikanische Marktforschungsunternehmen Information Ressources (IRI) mit seinem Büro in Düsseldorf nachgegangen. Laut deren „Nutrition-Labels“-Report werden Gesundheit und Wohlbefinden für Europäer immer wichtiger. So appelliert das IRI dann auch an die Produzenten, schon aus Marketingsicht eine einheitliche und plausible Kennzeichnung voranzutreiben, um gesundheitsorientierte Käufer für sich zu gewinnen. Zwar hat die EU Nährwertangaben auf der Rückseite verpackter Lebensmittel vorgeschrieben, eine Deklaration auf der Vorderseite ist jedoch freiwillig. In anderen Ländern gibt es bereits Kennzeichnungselemente wie die Nährwertampel, schwarze Symbole oder auch Sterne.

Beim Ziel ist sich die Branche einig: Transparenz für den Käufer ist oberstes Gebot. Auch die deutsche Politik zieht mit. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner betont, dass es für Verbraucher auch ohne ein Studium der Ernährungswissenschaften möglich sein müsse, beim ersten Blick auf die Verpackung zu erkennen, was im Lebensmittel steckt. Angesichts der Zahlen zum Übergewicht sei das drängend.

Die Teilnehmer der Verbraucherschutzministerkonferenz sprachen sich dann auch einstimmig für ein gemeinsames Vorgehen aus und möchten im nächsten Schritt Kennzeichnungsmodelle an Verbrauchern testen. Der Favorit soll dann der EU vorgelegt werden, um Rechtssicherheit zu erreichen. Eine Umsetzung könnte zum Jahresende erfolgen – doch die Zeit drängt. Klöckner muss bis zum Sommer ein Konzept zur vereinfachten Nährwertkennzeichnung vorstellen.

Zur Auswahl stehen unter anderem die 2017 in Frankreich eingeführte Nutri-Score-Kennzeichnung, ein Vorschlag des Bunds für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde sowie das vom Max Rubner-Institut (MRI) entwickelte Modell. 

Allerdings schlägt die Debatte um die künftig beste Lebensmittelkennzeichnung unerwartet hohe Wellen. So hat zum Beispiel die Verbraucherzentrale Bundesverband eine Lanze für Nutri-Score gebrochen, diese Idee greife laut Ministerium jedoch zu kurz. Der MRI-Entwurf stößt wiederum in Rheinland-Pfalz auf Ablehnung; dort erscheint ebenfalls Nutri-Score als ideale Lösung. Die Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten kritisiert die Verzögerung als „Geschenk an Teile der Lebensmittelindustrie“. Foodwatch favorisiert auf Basis einer „unabhängigen Studie“ ebenfalls das französische Farbmodell, das von Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland, vehement abgelehnt wird.

Im Interesse des gemeinsamen Ziels liegt es nun bei allen Beteiligten, den Sturm im Wasserglas zu beenden, die egoistischen Motive zurücknehmen und an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten – und zwar so schnell wie möglich. Die Zeit rennt.

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