Kommentar von
Jörg Schiffeler

Organisationsreform Größe ist nicht alles und Kleinstaaterei keine Lösung

Dienstag, 13. Dezember 2016
Wie sieht die Interessenvertretung der Zukunft aus? Haben Sie sich darüber schon einmal Gedanken gemacht? Und endeten die Überlegungen womöglich mit der Floskel „man müsste mal“ oder haben Sie das Thema verschoben, weil es eben immer auch unangenehm ist?

Das Fleischerhandwerk muss sich dringend zukunftsgerecht aufstellen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, gewinnt aber rasant an Fahrt. Denn einerseits zwingt die Obermeister vielerorts die Strukturentwicklung, gekoppelt mit einem wachsenden finanziellen Druck, zum Handeln und zum anderen hat sich Präsident Herbert Dohrmann vom Deutschen Fleischer-Verband das Thema auf die Fahne geschrieben.

Im Frankfurter Verbandshaus dürften inzwischen die Köpfe über Vorschlägen für eine Reform der Organisationstruktur rauchen. Aus dem Präsidium verfügt neben dem Hanseaten Dohrmann Vize Eckhart Neun über einige Erfahrungen. Neun dockte als Landesinnungsmeister den Fleischerverband Hessen an den Deutschen Fleischer-Verband an. Die Mitglieder profitieren doppelt: Die Verwaltung wird zu moderaten Kosten geführt – nicht zu Lasten der Betriebe außerhalb des Bundeslands – und den Meistern ist quasi eine rund-um-die-Uhr-Betreuung gesichert. Die Großinnung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach schloss sich diesem kostengünstigen Modell an.

Landauf, landab gibt es zahlreiche vorbildliche Beispiele. Sie zeugen allesamt davon, dass Innungen vorwärts gehen können, ohne bewährte Pfade vollends zu verlassen. Vielerorts ist die Angst vor einem Bezugsverlust zur Region durch eine mögliche Fusion stark ausgeprägt. Mitunter behindert auch die Kassenlage eine zukunftsorientierte Neuaufstellung.

Der Fleischerverband Rheinland-Rheinhessen führt von seiner Geschäftsstelle in Koblenz insgesamt sechs Innungen. Alle Einheiten sind vor Ort als Gebietskörperschaft erhalten geblieben, während die Mitgliederbetreuung und Verwaltung der Betriebe zentral durchgeführt werden.

Am Oberrhein haben sich die Badener für einen ähnlichen Weg entschieden. Hier ist es nicht der Landesverband, sondern die genossenschaftliche FGS Fleischerei- & Gastronomie-Service Baden, die nach fast identischem Muster fünf Innungen betreut.

Die Mehrheit der sächsischen Fleischer stimmte zu Beginn des Jahres für eine neue Einheit mit Pilotcharakter, indem vier Innungen den Schulterschluss zur neuen Großinnung Nordostmittelsachsen wagten. 

In Bremen, Hannover und Meerbusch rauchen ebenfalls die Köpfe: Die Verbände Niedersachsen-Bremen und Nordrhein-Westfalen kooperieren immer enger, stimmen sich in zentralen Punkten ab und treten dann geschlossen auf. Dadurch entsteht eine starke Interessenvertretung.

Größe ist per se keine Lösung, die überall passt. Im nördlichen Rheinland-Pfalz gründete sich mit der Innung Mosel-Eifel-Hunsrück eine Einheit, die größer ist als das Saarland. Sie ist nun wirtschaftlich tragbar, aber vielen Mitgliedern unnahbar.

Rheinland-Pfalz leistet sich unterdessen immer noch zwei Landesverbände. Und das funktioniert sehr gut. Ob es zielführend für die Zukunft ist, darf aber bezweifelt werden. Auf der jüngsten Obermeister- und Delegiertentagung des Fleischer-Verbands Pfalz fragten einzelne Mitglieder nach einem Konzept. Denn sie durchschauten, dass immer weniger Beitragszahler noch größere Aufwendungen zur Wahrung von Interessen stemmen müssen.

Das schreckt möglicherweise fleischerhandwerkliche Betriebe von einer Zugehörigkeit zu einer Innung ab. Sie fürchten weniger die Veränderung als explodierende Mitgliedsbeiträge.

Eine Ideallösung als Blaupause kann es in einem föderal geprägten Land nicht geben. Diese Erwartungshaltung sollte sich gar nicht erst aufbauen. Es kommt jetzt allerdings darauf an, Ideen zu voranzutreiben.

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