Kommentar von
Jörg Schiffeler

Organisationsreform Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Dienstag, 21. Februar 2017
Wie sieht die Interessenvertretung der Zukunft für die Belange des Fleischerhandwerks aus? Anders als heute. Das ist der einfache Teil der Antwort auf die Frage. Wie genau, das ist etwas ganz Anderes.

Immerhin machen sich die Meisterinnen und Meister seit letztem Herbst auf den Weg. Die Delegierten des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV) gaben im Oktober in Saarbrücken ihr deutliches Votum für eine Reform der Organisationsstruktur. Vier Monate später skizziert Präsident Herbert Dohrmann zusammen mit Vizepräsident Eckhart Neun und Hauptgeschäftsführer Martin Fuchs eine Vision – mehr nicht, weil das neue Präsidium gemeinsam mit den Vertretern ihrer Zunft aus dem ganzen Land eine auf die Zukunft ausgerichtete tragfähige Lösung finden möchte. Das ist ein hoher Anspruch. Die Mitglieder sollten die Gelegenheit nutzen, ihre Ideen und Sorgen in diesen Entwicklungsprozess einzubringen.

Dohrmann gibt jedoch eine klare Richtung vor. Er wünscht sich einen starken Bundesverband, weil nur so eine einflussreiche Lobbyarbeit auf höchsten politischen Ebenen – etwa auf den Bühnen in Berlin und Brüssel – möglich ist. Für das einzelne Innungsmitglied bleibt die Interessenwahrung in der Region vorrangig und die Institution den Betrieben vor Ort am nächsten. Hier beginnt der Spagat.

DFV - Obermeistertagung 2017
(Bild: si)

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Für viele Mitgliedsbetriebe sind die Ministerien an der Spree weit weg und Europa fern. Und doch werden dort richtungsweisende Verordnungen und Gesetze auf den Weg gebracht, gegen die später in der Region gekämpft werden muss. Damit das nicht passiert, muss es vorgelagert oder übergeordnet eine Interessenvertretung – wie den DFV – geben, die politische Vorhaben und Strömungen in Behörden, Parlamenten und Verbraucherschutzkreisen aufspürt oder identifiziert. Daraus müssen Strategien für die Interessenwahrung abgeleitet werden. Nur dann können praxisferne und handwerksfeindliche EU-Richtlinien sowie föderaler Wahnsinn abgemildert werden. Oder sie enden idealerweise gleich als Rohrkrepierer auf dem Verhandlungstisch.

Das einzelne Mitglied wird davon nie viel mitbekommen. Dafür gibt es viele Gründe, beispielsweise die vermeintlich unabdingbare Anwesenheit im eigenen Betrieb wegen Fachkräftemangels wie auch das Liegenlassen von Informationen auf dem Schreibtisch und im E-Mail-Postfach. Auch verfügen nicht alle Meister über die Weitsicht, aufkommende Themenkomplexe zu erkennen, und die Entschlossenheit, sich dagegen zu engagieren. Die Erfahrung zeigt, dass die Mehrheit der Unternehmer erst handelt, wenn der Sachverhalt akut wird. Deswegen braucht die Wahrung der Interessen auch in Zukunft einerseits ein großes Vertrauen und andererseits Experten, die sich an den Schalthebeln der Macht um die relevanten Themen kümmern.
„Die Wahrung der Interessen benötigt auch in Zukunft einerseits ein großes Vertrauen und andererseits Experten, die sich an den Schalthebeln der Macht um die relevanten Themen kümmern. Deshalb werden die Fleischer investieren müssen, damit sie auch morgen noch eine wahrnehmbare und einflussreiche Stimme haben.“
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Das alles gibt es auch künftig nicht zum Nulltarif. Weil immer weniger Beitragszahler für ein starkes Dienstleistungsangebot aufkommen müssen, verlangt die Strukturentwicklung nach zukunftsfähigen Perspektiven für die Lobbyarbeit. Also werden die Fleischer – wie sie es auch daheim im Betrieb handhaben – investieren müssen, damit sie auch morgen noch eine wahrnehmbare und einflussreiche Stimme haben. Genau deshalb darf die zwingend notwendige Organisationsreform nicht allein auf ein Spar-Potenzial ausgerichtet sein.

Für eine effizientere Arbeitsteilung zwischen Innungen, Landesverbänden und DFV müssen die Fleischer auch das System der Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern mit einbeziehen. Denn diese Pflichtbeiträge bleiben für jeden einzelnen Meisterbetrieb – auch nach Fusionen. Ebenso braucht das Fleischerhandwerk Verbündete in anderen Branchen. Beispielsweise für eine Modernisierung des Kammersystems, der Ausbildungsordnung, der Leitsätze oder auch zur Sicherung der regionalen Wertschöpfungsketten.

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