Kommentar von
Jörg Schiffeler

Strukturwandel Neuen Unternehmergeist pflanzen und kultivieren

Dienstag, 09. August 2016
Die Wurst entscheidet nicht allein über die Zukunftsfähigkeit einer Metzgerei. Es sind vielmehr der Unternehmergeist und die Fähigkeit zu agieren anstatt zu reagieren.

Wie holt man das Gen für eine erfolgreiche Selbstständigkeit im Fleischerhandwerk aus dem Dornröschenschlaf? Bei vielen Meistern führten ausufernde Bürokratie, eine belastende Mittelstandspolitik, immer neue Vorschriften für mehr Lebensmittelsicherheit, neu ausgewiesene Gewerbeflächen für Handel und Discount in Ortsrandlagen sowie oftmals wettbewerbsverzerrende Vorteile für die Industrie bei Gebührensätzen und Energiekosten zu unternehmerischen Ermüdungserscheinungen.

Die eigenen Hausaufgaben müssen zuallererst ordentlich und mit Elan erledigt werden, bevor von den Gesetzesvertretern vernünftige Rahmenbedingungen und weniger Papierkram verlangt werden. Diese Forderungen allein nützen dem Betrieb zunächst einmal nichts. Wenn das Veterinäramt für die Betriebsschließung verantwortlich sein soll, weil der fleischerhandwerkliche Betrieb sich die gesetzeskonforme Modernisierung nicht mehr leisten kann, ist vorher etwas schief gelaufen. Die Bestimmungen für Lebensmittelsicherheit und Betriebshygiene gelten uneingeschränkt für alle Unternehmen und wurden durch die EU-Gesetzgebung harmonisiert – auch wenn wir in Deutschland penibler als andernorts sind.

Nein, was die Betriebe immer stärker belastet, ist die Veränderung der Gesellschaft. Es sind weniger demografische Gründe, die zwar den Mangel an Fachkräften und Auszubildenden verstärken, als vielmehr der wachsende Wunsch nach einer Work-Life-Balance. Die besser geregelte Taktung zwischen Arbeits- und Berufsleben, die die Selbstverwirklichung jedes Einzelnen fördert, ist einer der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit auch von handwerklichen Unternehmen. Wer diese Herausforderung meistert, liegt im Vorteil.

Das haben bisher zu wenige verstanden. Viele Chefs tun sich schwer damit, die Lebensentwürfe junger Menschen zu verstehen und zu akzeptieren. Kein Wunder, das haben die meisten nicht gelernt, und die Politik sensibilisiert kaum für diese Entwicklung. Im Gegenteil: Der Staat gibt sich immer innovativ. Neue Anforderungen, einseitige Förderungen, verschärfte Vorschriften beispielsweise bei der Benennung und Kennzeichnung von Lebensmitteln wie Fleisch, Fleischwaren und Wurst verderben vielen Betriebsinhabern die Lust aufs Unternehmen. Und das färbt ab. Immer häufiger verlieren Unternehmer ihre Motivation, und potenzielle junge Nachfolger werden dadurch verführt, andere Wege einzuschlagen. Das fördert den öffentlich beklagten Betriebsschwund.

„Wir müssen die Kultur für mehr Unternehmergeist wachrütteln und beleben. Die Chancen für modern aufgestellte fleischerhandwerkliche Betriebe überwiegen. “
Jörg Schiffeler, Chefredaktion afz
Es muss sich dringend etwas ändern. Wir müssen die Kultur für mehr Unternehmergeist wachrütteln und beleben. Die Chancen für modern aufgestellte fleischerhandwerkliche Betriebe überwiegen. Sie müssen ausgelotet und anschließend hart erarbeitet werden. Die Metzgerei von morgen sieht anders aus, auch sie hat genügend Raum neben Handel und Discount. In dieser Ausgabe beschreibt afz-Förderpreisträgerin Theresa Veh, dass ihr Beruf ihre Selbstverwirklichung ist. Sie versucht, den elterlichen Betrieb mit Marketinginstrumenten zu einer regionalen Marke auszubauen und damit ein individuelles, unverwechselbares Profil zu schaffen. Eben ganz wie die Großen.

Mehr Lebendigkeit und Ideen kommen durch Reisen und Aufenthalte bei Kollegen oder, noch besser, im Ausland in die Betriebe. Warum es sich insbesondere für junge Leute lohnt, in die Ferne zu schweifen, beschreiben wir auf Seite 15.

Ein Patentrezept für Erfolg gibt es nicht. Der Gesetzgeber kann die Bedingungen für ein lohnendes Unternehmertum trotz Strukturwandel verbessern. Am Ende aber ist unser Wirtschaftssystem darauf ausgelegt, passende Angebote zu schaffen, die auf Nachfrage treffen.

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