Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierhaltung Eine Plakette fürs Wohl ersetzt keine Wende

Dienstag, 10. Januar 2017
Das überrascht uns nicht: Die Zukunft der Initiative Tierwohl ist gesichert. Und das staatliche Tierschutzlabel kommt.

Im ersten Fall ist der Zeitraum zunächst eindeutig begrenzt, denn es geht um die Jahre 2018 bis 2020. Das ist in weniger als zwölf Monaten. Andernorts wird dieser Zeithorizont allgemein als kurzfristig bezeichnet, wenn es darum geht wirtschaftliche oder rahmenpolitische Weichen zu stellen.

Das geplante Tierschutzsiegel aus dem von Christian Schmidt geführten Bundeslandwirtschaftsministerium sowie die angekündigte Nutztierhaltungsstrategie sind für mehr als eine Wahlperiode angelegt. Kritiker der Brancheninitiative sehen im Staatssiegel eine Ablösung des privatwirtschaftlichen Engagements von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel. Andere betrachten die staatliche Reglementierung als dringende und allgemeinverbindliche Alternative, damit das Bemühen um das Wohl der Tiere nicht allein zum Marketingversprechen mutiert.

„Die Tierhaltung bleibt im Fokus von Gesellschaft und Politik. Das nutzt den Fleischern, denn sie können den Kunden ins Auge blicken und erzählen, von welchem Bauern sie ihre Rinder und Schweine beziehen.“
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Fest steht, dass die Tierhaltung im Fokus von Gesellschaft und Politik bleiben wird. Egal ob Ernährungsreport, Food Report, Grünbuch, Fleischatlas oder Kursbuch: Alle Berichte prangern die Haltungsbedingungen, Umweltschäden durch Mast, den Raubbau an Grund und Boden sowie den Fleischkonsum an. Und immer finden die Experten aus den Befragungen der Verbraucher heraus, dass die Bundesbürger bereit seien für ein Kilo Fleisch aus tiergerechter Haltung mehr zu bezahlen.

Warum wagt keiner für Fleisch aus guter Haltung auch mehr Geld zu nehmen? Ist das alles nur Theorie oder weshalb setzt das kaum ein Branchenakteur um? Es traut sich niemand allein, weil es an einem grundlegenden Branchenkonsens fehlt. Egal ob Offenstall, Gruppenhaltung im Freien oder Weidehaltung – das alles sind Randerscheinungen. Die mutigen Gründer müssen sich trotz vieler Erfahrungen in einem äußerst harten Wettbewerb gegen konventionelle Fleischerzeugung und -verarbeitung durchsetzen. Denn Nahrungsmittel sollen in unserem Land preiswert sein. Das ist politischer Grundkonsens, ohne dass darüber gesprochen wird. Und deshalb ist mit Berlin auch keine Agrarwende zu stemmen.

Wie sonst wäre es zu erklären, dass immer mehr wertvolle Landflächen für Einkaufszentren erschlossen werden. Ganz oft zerstören diese Ansiedlungen die wertvollen regionalen Wertschöpfungsketten und fördern das Einkaufsverhalten zu Gunsten großer Lebensmittelmärkte. Gut, dem kann man entgegnen: Metzger, da müsst Ihr auch hin. Das ist vielerorts sinnvoll, damit die handwerklichen Betriebe überleben können.

Wer verdient eigentlich am Wohl der Tiere? Die Lebensmittelhändler zahlen mehr in den Tierwohlfonds ein als bisher. Pro verkauftem Kilogramm Fleisch und Wurst werden zukünftig 6,25 Cent statt derzeit vier Cent fließen. Wieviel kommt davon beim Landwirt und seinen Schweinen an? Es wird am Ende weniger als zuletzt sein, weil die teilnehmenden Betriebe nun öfter als bisher überprüft werden. Denn jedes Audit kostet Geld – auch beim staatlichen Tierschutzlabel.
Initiative Tierwohl - Hinrichs
(Bild: Initiative Tierwohl)

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Das Fleischerhandwerk hat es hier wieder einmal leichter als die großen Unternehmen im Lande. Die Meisterbetriebe können den Kunden ins Auge blicken und persönlich berichten, von welchem Landwirt oder Fleischhändler sie ihren Rohstoff beziehen. Nicht selten haben die Metzger Vereinbarungen mit ihrem Bauern getroffen über eigene Mastprogramme wie „Strohschweine“ mit Auslauf und bieten ihren Kunden Touren auf den Hof des Lieferanten an. Wer so handelt, transportiert glaubwürdig, dass ihm erstens das Tierwohl mehr als eine Herzensangelegenheit ist. Zum zweiten versteht jeder Beobachter, dass diese Lebensmittel nicht zum Discounttarif zu produzieren sind und drittens, dass ein bewusster, verantwortungsvoller Konsum auch mehr Genusserlebnisse ermöglicht – ganz ohne Berliner Siegel mit Bundesadler.

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