Kommentar von
Sandra Sieler

Tierwohl Bei der Fleisch-Erzeugung ist die Schraube längst überdreht

Dienstag, 22. Januar 2019
"Wir haben es satt." Unter dem Motto zog zur Grünen Woche wieder ein ganzer Protestzug durch die Hauptstadt. Einen Umbau der Landwirtschaft hin zur artgerechteren Tierhaltung wünschen sich längst nicht mehr nur die ewigen Romantiker, die die Landwirtschaft in einen Kuschelzoo verwandeln wollen.

Einerseits machen sich immer mehr Leute Gedanken darüber, woher ihr Essen kommt und welche Auswirkungen ihr Konsum auf Tier und Umwelt hat. Andererseits übernehmen die Beteiligten der Wertschöpfungskette Fleisch selbst Verantwortung und stoßen Projekte für eine nachhaltigere Erzeugung an. Dazu gehört die Freilandhaltung genauso wie die zahlreichen Strohschwein-Initiativen oder die von Danish Crown forcierte Aufzucht ohne Antibiotika, um nur einige Beispiele zu nennen.

IGW 2018 - Demo
(Bild: Auslöser/www.wir-haben-es-satt.de)

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Grüne Woche Dialog und Protest

Jede einzelne Initiative ist wichtig und bewegt etwas. Mittelfristig muss das Mehr an Tierwohl aber den Projektstatus verlassen und zur Realität in jedem Schweinestall Deutschlands werden. Hier ringen Land- und Fleischwirtschaft noch darum, wer das Heft dafür in die Hand nimmt. Das veranschaulichte auch die Podiumsdiskussion beim Frische Forum Fleisch der afz am vergangenen Freitag in Berlin.

Wer die Verantwortung für diesen ersten Schritt beim Verbraucher ablädt, der macht es sich zu einfach. Zwar werden immer wieder Umfragen bemüht, die zeigen wollen, dass der Käufer anstandslos bereit ist, deutlich mehr für Fleisch zu bezahlen, wenn es denn aus tierfreundlicher Haltung stammt. Der Beweis dafür steht aber immer noch aus. Aber was wäre, wenn „Tierwohlfleisch“ der Standard wäre, also keine billigere Alternative mehr daneben liegt?

Einen Aufschlag von 50 Cent je Kilo für Tierwohlfleisch würde der Markt ohne weiteres schlucken. Davon zeigte sich der Handelsexperte Ludger Breloh beim Frische Forum Fleisch überzeugt.
„Zwar kümmern sich die Kunden in fernen Exportländern nur wenig um die Haltungsbedingungen. Aber das entbindet uns nicht von der Verantwortung für die Tiere in unseren Ställen. “
Nun ist der Heimatmarkt nur die eine Seite der Medaille. Richtig ist, dass die Auslandskunden für die Bemühungen der Deutschen um höhere Standards im Schweinestall nicht mehr bezahlen. Zumindest jetzt noch nicht. Denn mit dem Wohlstand wachsen in den sich entwickelnden Volkswirtschaften auch die Ansprüche. Da könnte Potenzial drin stecken.

Wer aber heute versucht, die Diskussion um eine artgerechtere Tierhaltung damit abzuwürgen, dass diese die Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten gefährdet, hat nichts verstanden. Das Tierwohl muss um der Tiere Willen voran gebracht werden. Allein das sichert die Akzeptanz der Nutztierhaltung in Deutschland. Und ohne die geht es nicht. Wir brauchen einen breiten Konsens für die Haltungsbedingungen unserer Schweine, wenn Land- und Fleischwirtschaft aus der ewigen Defensivposition herauskommen wollen.

Zwangsläufig wird das eine Abstockung der Schweinebestände nach sich ziehen. Aber die Schraube ist sowieso längst überdreht. Durch die Effizienzsteigerung der letzten Jahre haben wir einen Selbstversorgungsgrad von rund 120 Prozent erreicht. Damit sind wir auf einen brummenden Exportmotor angewiesen. Doch der Fakt, dass sich die Kunden in den fernen Zielländern nicht oder noch wenig um die Bedingungen in der Erzeugung kümmern, entbindet uns nicht von der Verantwortung für die Tiere in unseren Ställen.

Um in der Frage der zukunftsfähigen Nutztierhaltung voranzukommen, braucht es zudem Partnerschaften, gemeinsame Bekenntnisse. Der Landwirt benötigt Abnahmegarantien, bevor er für moderne Stallbauten tief in die Tasche greift. Das Schlachtunternehmen seinerseits fordert logischerweise Zusagen vom Handel, unter anderem für „vier Mal D“. Und nicht zuletzt muss der LEH dann endlich aufhören, Fleisch als Lockmittel zu benutzen. Wer Schnitzel und Kotelett aus fairer Produktion anbietet, muss dafür einen anständigen Preis verlangen. Alles andere ist nicht glaubwürdig.

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