Kommentar von
Sandra Sieler

Tierwohl Hühner- und Schweinestall liegen nicht weit auseinander

Dienstag, 18. Juni 2019
Das Töten männlicher Eintagsküken bleibt erlaubt. Zumindest vorerst. Das urteilte in der vergangenen Woche das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Der Schiedsspruch provozierte im Nachgang ganz unterschiedliche Reaktionen: Enttäuschung auf der einen Seite und Lob für eine wegweisende Entscheidung auf der anderen.

Schon ohne auf die juristischen Finessen einzugehen, zeigt das Urteil eins ganz klar: Das wirtschaftliche Interesse der Unternehmen steht nicht mehr automatisch über dem Tierschutz. Oder anders formuliert: Da, wo Alternativen möglich sind, muss die Wirtschaft diese nutzen, um den Tieren unnötiges Leid zu ersparen. Das ist neu – und damit in der Tat wegweisend.

Im Fall des Tötens der männlichen Küken, die nun mal weder Eier legen noch sich zum Mästen eignen, sind praxistaugliche Alternativen in Sicht: Zwei Verfahren sind bereits auf dem Weg zur Serienreife. So erklärt sich die vorübergehende Fristverlängerung durch das Bundesgericht in Leipzig. Wenn die Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei so weit sind, gibt es in den Augen der Richter keinen „vernünftigen Grund“ mehr dafür, erst die geschlüpften Tiere zu selektieren. Gemäß dem deutschen Tierschutzgesetz darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Damit ist der Ausstieg aus dem Kükentöten also trotz des Richterspruchs der vergangenen Woche vorgezeichnet.

Küken - Ei
(Bild: pxhere.com)

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Urteil Kükentöten bleibt vorerst erlaubt

Neben der damit erfolgten juristischen Bewertung durch die Bundesinstanz ist das Urteil auch gesellschaftspolitisch wegweisend. Die grausame Praxis des Kükenschredderns ist eben längst nicht mehr mit den Vorstellungen der Bürger in Einklang zu bringen. Die Gesellschaft lehnt solche Auswüchse der kommerziellen Erzeugung von Eiern, Milch und Fleisch ab. Für die Produkte, die der Verbraucher im Discount oder Supermarkt, im Fachgeschäft oder im Hofladen kauft, darf kein Tier gelitten haben. Und das erwartet der Kunde vollkommen zu recht. Dass das Huhn genügend Platz hat und das Schwein etwas zum Spielen bekommt, um nicht aus Langweile am Artgenossen rumzunagen, diese Verantwortung liegt beim Halter. So einfach sieht es der Verbraucher. Ob wir das wollen oder nicht.
„In der Gesellschaft wächst der Gedanke des ethischen Konsums. Ist also nicht auch in Sachen Landwirtschaft und Nutztierhaltung eine Art Greta-Effekt denkbar? “
Sandra Sieler
Nun können wir uns damit aufhalten zu argumentieren, dass der Kunde ja immer noch nicht bereit ist, für diese heile Welt im Stall auch zu bezahlen, und weiter abwarten. Dann laufen Erzeuger und Anbieter von tierischen Lebensmitteln aber Gefahr, sich immer weiter von den gesellschaftlichen Ansprüchen zu entfernen. Das könnte fatal enden, nämlich mit einem wachsenden Boykott der Verbraucher. Schließlich sind es die nachfolgenden Generationen, die sich wieder mehr für die Herkunft ihres Essens interessieren. Sie wollen einen tatsächlich ökologisch und ethisch vertretbaren Konsum.

Die Politik geht mit diesen Themen oft noch zu zögerlich um, agiert meist nur getrieben durch Verbraucher-, Umwelt und Tierschützer. Dabei wächst in der Gesellschaft der Gedanke des ethischen Konsums. Ist also nicht auch in Sachen Landwirtschaft und Nutztierhaltung eine Art Greta-Effekt denkbar? Dafür sollte sich die Wirtschaft beizeiten wappnen. Spätestens das aktuelle Urteil gibt den Themen Schnäbelkürzen, Enthornung und Ferkelkastration eine neue Aktualität.

Bei allen wirtschaftlichen Zwängen der Landwirte und natürlich der Metzger sowie der Fleischwirtschaft sollten Eingriffe am Tier zum Auslaufmodell werden. Übergangszeiträume sind dabei zwingend notwendig. Die landwirtschaftliche Erzeugung von Lebensmitteln darf schließlich nicht leichtfertig geopfert werden. Aber solche Galgenfristen dürfen sich nicht zur bequemen Dauerlösung auswachsen. Das wird die Verbraucherschaft genau beobachten. Die Menschen wollen Fleisch essen, und sie genießen es. Aber: Überkommene und unnötige Gepflogenheiten in der Tierhaltung dürfen ihnen den Appetit nicht vermiesen.

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