Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierwohl-Label Siegel müssen Versprechen erfüllen

Dienstag, 04. Dezember 2018
Wir Deutschen haben den Wunsch nach Orientierung. Das gilt auch beim Einkauf von Lebensmitteln. Wir möchten uns absichern und vergewissern, dass die getroffene Wahl auch eine gute ist.
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Julia Klöckner DFV Discounter


Das Bedürfnis nach Sicherheit und die Bestätigung, das Richtige zu tun, ist tief in uns Menschen verankert. Besonders wenn die Angebotsvielfalt und die Sortimentsbreite unübersichtlich für die Verbraucher werden, ist guter Rat gefragt. Das spornt den Ehrgeiz der Vertriebsstrategen an, und aus dem großen Marketing-Bausatz werden viele Werkzeuge gezaubert, damit die Kunden mit gutem Gewissen zugreifen.

Bei den Verbrauchern sprechen Lebensmittel tierischen Ursprungs durchaus Schmerzpunkte an, denn für das Stück Fleisch, den Schinken oder die Wurst musste ein Tier sein Leben lassen. Dieser Umstand bietet allerdings nicht die größte Angriffsfläche. Der Umgang mit Rind, Schwein und Geflügel steht bei den Bürgern sehr viel stärker im Fokus. So denken die Menschen viel mehr über die Haltung und Fütterung von Nutztieren sowie das Führen zur Schlachtbank nach als in früheren Zeiten. Der Wunsch, dass es das Geschöpf wenigstens gut gehabt hat, bevor es sein Leben für uns als Nahrungsmittel ließ, treibt die Konsumenten um.

Lebensmittelhandel und Fleischerhandwerk nehmen dieses veränderte Bewusstsein schon länger wahr. Es gibt unterschiedliche Lösungsansätze, und die Politik setzt auf ein staatliches Tierwohl-Label. Daran doktern Ministerien, Lobbyisten, Unternehmensvertreter und NGOs seit mehreren Jahren mit verschiedenen Vorstellungen herum. Das dauert den Vermarktern – Händlern und Metzgern – viel zu lange.

BMEL - Julia Klöckner
(Bild: CDU)

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Tierwohl Label kommt 2019

Während die Berufsorganisation der Fleischer, der Deutsche Fleischer-Verband (DFV), bereits vor Jahren ein Leitbild entwarf, bei dem das Wohl des Tieres im Vordergrund steht, macht der Handel seit diesem Jahr mächtig Druck. Mit seinem Leitbild beschreibt das Fleischerhandwerk seine Position im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld. Diese Botschaft ist zugleich ein Versprechen – es wird vom Verbraucher nur nicht als solches verstanden oder nicht nachdrücklich genug kommuniziert. Stattdessen zieht das Bekenntnis zu regionalen Wirtschaftskreisläufen und der Produktion vor Ort. Der Lebensmitteleinzelhandel ist unterdessen unruhig geworden. Das staatliche Siegel lässt auf sich warten, einheitliche Kriterien sind nur schwer abzustimmen, während gleichzeitig die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung um das Tierwohl an Geschwindigkeit zulegt.

Aldi, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe brachten ihre jeweils eigene Haltungskennzeichnung an den Start. Damit überholte der Handel die Politik, und die Verbraucher wurden mit neuen Auslobungen überschüttet. Die privatwirtschaftliche Initiative ist grundsätzlich zu begrüßen. Insbesondere das damit verfolgte Ziel, das Haltungs- und Tierwohlniveau langfristig zu verbessern. Doch Stallhaltung, Stallhaltung plus, Außenklima und Bioqualitäten sagen noch nicht viel über den Umgang mit den Tieren aus. Das zeigten heimlich gedrehte Aufnahmen aus Ställen und Schlachthöfen in diesem Jahr leider zu oft. Die Ausweisung einer Haltungsform zielt nicht zwangsläufig auf eine Erhöhung des Tierwohls ab. Vielleicht soll das von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner favorisierte staatliche Tierwohl-Label auch deshalb keine Haltungskennzeichnung sein.
„Die Flut an Labels darf nicht zu einer Wut auf Siegel führen. Denn die macht das Ringen des Fleischsektors für mehr Wertschöpfung zunichte.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Viel wichtiger ist für die Kunden an den Bedien- und SB-Theken die Verlässlichkeit der versprochenen Informationen. Supermärkte und Discounter positionieren sich mit einer Fülle eigener Kennzeichnungssysteme, die unübersichtlich sind. Dabei liegt das gemeinsame Ziel auf der Hand: der Wunsch nach höheren Standards. Daran ist auch den fleischerhandwerklichen Betrieben gelegen. Die Flut an Labels darf aber nicht zu einer Wut auf Siegel führen. Denn die macht das Ringen des Fleischsektors für mehr Wertschöpfung zunichte.

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