Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierwohl Weniger Scheinheiligkeit und mehr Haltung

Dienstag, 23. Januar 2018
Wir werden weiter streiten, obwohl der gemeinsame Nenner groß und in der Sache unteilbar ist: Es geht ums Tierwohl. Rund um die Grüne Woche spannte sich einmal mehr der Bogen zwischen landwirtschaftlicher Idylle auf dem Bauernhof einerseits und der Massentierhaltung in Agrarfabriken andererseits. Und das geht alle Schlachter, Fleischverarbeiter und Metzger etwas an.

In Berlin bot die weltgrößte Leistungsschau der Land- und Ernährungswirtschaft wieder ein gefundenes Fressen für die Medien. Verbraucher, Tierschützer, Lobbyisten, Parteisoldaten und „Alternative“ lieferten sich starke Wortgefechte, die ihren Widerhall in der ganzen Republik fanden.

Am Pranger stehen die bösen Bauern, und an der anderen Front kämpfen die guten Verbraucher. Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich die Landwirte untereinander nicht grün sind. Nie war die Bauernschaft so gespalten wie heute. Sie ringt zwischen Festhalten am Gewohnten – inklusive Subventionspolitik – und alternativen Entwürfen, den eigenen Hof abseits vom Mainstream, aber im Einklang mit Mensch, Natur, Tier und Umwelt zu bewirtschaften.

Wahr ist, dass sich viele Landwirte eine Veränderung wünschen, allerdings im Schulterschluss mit Gesellschaft und Politik. Dieses Ziel wird auch zu einem Großteil von alternativen Bauern mit ökologischer Ausrichtung getragen. Doch während in Berlin unter dem Motto „Wir haben es satt“ zum neunten Mal lautstark demonstriert wurde, vergessen wir nur zu gern die Menschen, die uns tatsächlich satt machen.

Wir brauchen dringend mehr Wertschätzung für Menschen, Unternehmen und Produkte, wie es Präsident Herbert Dohrmann vom Deutschen Fleischer-Verband auf unserem Frische Forum Fleisch zur Grünen Woche sehr deutlich formulierte. Mein Eindruck ist, dass Land- und Fleischwirtschaft beispielsweise bei den Themen Nutztierhaltung und Tierwohl schon viel weiter sind, als es der Verbraucher wahrnimmt und honoriert.

„Solche Forderungen kann jeder unterschreiben: bessere Haltungsbedingungen für Rind, Schwein und Geflügel, den Einsatz von Antibiotika weiter reduzieren und Umweltbelastungen minimieren. Also müssen auch alle ihr Scherflein beitragen.“
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Solche Forderungen kann jeder Bürger unterschreiben: bessere Haltungsbedingungen für Rind, Schwein und Geflügel, den Einsatz von Antibiotika weiter reduzieren und Umweltbelastungen minimieren. Die Konsumgewohnheiten verändern sich leider nicht so schnell. Die Verbraucher kaufen nach wie vor dort, wo es schön billig ist. Das misst die GfK immer wieder in ihrem Haushaltspanel.

Deshalb ist es folgerichtig, was Prof. Dr. Folkhard Isermeyer vom Thünen-Institut auf unserem Berliner Forum forderte: Ausnahmslos alle im Staat müssen für eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierstrategie herangezogen werden – so wie die Politik die Energiewende durch Gesetze, Verordnungen sowie Steuern und Abgaben verordnet hat. Seinerzeit sei der Atomausstieg nach dem Reaktorunfall in Fukushima im ganzen Land Konsens gewesen. Der Tierschutz ist schließlich seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz formuliert und kann somit vom Gesetzgeber weiter verfolgt und durchgesetzt werden.

Die privatwirtschaftlich agierende Initiative Tierwohl setzt zahlreiche Kriterien für mehr Wohl der Tiere durch. Die Zahl der mitmachenden Unternehmen steigt deutlich, erfasst aber nur einen Teil der Viehbestände. Die Finanzierung nur durch die teilnehmenden Lebensmittelhändler wird nicht reichen, um alle schweinehaltenden Betriebe umzurüsten. Gerade weil das Tierwohl eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, darf die Politik neue Denkansätze nicht ausschlagen.

Wir brauchen eine gesellschaftlich akzeptierte Form der modernen Landwirtschaft – nicht nur im eigenen Interesse. Vielmehr müssen wir in Deutschland auch unseren Beitrag dazu leisten, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Zum Abschluss noch ein Appell der Landwirtin Gabriele Mörixmann: „Wir dürfen nicht immer vom Verbraucher sprechen. Das ist unser Kunde und den müssen wir ernst nehmen“, forderte sie auf unserem Berliner Forum. Ein guter Gedanke.

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