Kommentar von
Sandra Sieler

Umwelt Beim Klimaschutz sind viele kleine Schritte legitim

Dienstag, 17. September 2019
Während die Automobilhersteller in den Frankfurter Messehallen ihre top-modernen, glänzend polierten Boliden der Weltöffentlichkeit präsentierten, tobte draußen vor den Türen der Protest für einen wirksamen Klimaschutz. Und genau hierfür will die Bundesregierung in dieser Woche die Weichen stellen.

Wie sieht die Strategie zum Klimaschutz in den nächsten Jahren für Deutschland aus? Darüber berät derzeit das „Klimakabinett“ in Berlin. Wenn die Bundesrepublik nämlich nicht schleunigst in die Puschen kommt, werden wir unsere gesteckten Ziele nicht erreichen: Bis 2020 sollen die Treibhausgas-Emissionen – verglichen mit 1990 – um 40 Prozent sinken, bis 2030 um 55 Prozent, bis 2040 um 70 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent. Die Minister wollen in diesen Tagen auch darüber diskutieren, wie Deutschland schon 2050 klimaneutral sein kann. Ein ehrgeiziger, aber notwendiger Plan.

Aktuell sieht es danach aus, dass wir schon das erste Etappenziel für das kommende Jahr nicht erreichen. Wie steht es dann erst um die weiteren Schritte? Es ist Zeit für eine umfassende Strategie. Dass der Kabinettsausschuss uns diese schon zum Wochenende serviert, ist wenig wahrscheinlich. Bislang verfolgte die Koalition da eher die Politik der kleinen Schritte.

Den Handelnden auf dem Berliner Parkett muss man dafür schlichtweg ein Armutszeugnis ausstellen. Viel früher hätte der Druck auf die Industrie steigen müssen, alternative Energien zu erforschen und entsprechende Technologien zu entwickeln. Doch an der Stelle fehlte der Mut.

Zum Klimaschutz hat auch Ursula von der Leyen ihrem künftigen Stab an EU-Kommissaren klare Forderungen in ihre Agenda geschrieben. So soll der designierte Agrarkommissar unter anderem dafür sorgen, dass die Landwirtschaft ihren Teil zur Einhaltung der Klimaziele beiträgt. Dabei soll der Sektor allerdings international wettbewerbsfähig bleiben: eine knifflige Aufgabe, zumindest für den Fall, dass es sich hierbei nicht um eine weitere hohle Phrase handeln soll.

„Mit jedem Schritt kann man sich als nachhaltig wirtschaftender und umweltbewusst agierender Partner darstellen. Das Bewusstsein beim Kunden hierfür wird steigen.“
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
In den Niederlanden wird schon darüber diskutiert, ob es nicht notwendig sei, den Bestand an Nutztieren zu halbieren. Dort droht offenbar der Wohnungsbau wegen des Stickstoffproblems ins Stocken zu kommen, ebenso der Ausbau von Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Intensivtierhaltung ist klima- und umwelttechnisch ein Problem. Dabei scheint derzeit noch offen, ob und wie sich das Klimakabinett in dieser Frage positionieren wird.

Losgelöst davon hat das Lebensmittel Fleisch in der öffentlichen Diskussion bereits seinen Stempel als Klimakiller aufgedrückt bekommen. Leider wird dabei nicht unterschieden zwischen Rindfleisch aus Argentinien und dem vom Metzger um die Ecke, der seine Tiere vor Ort schlachtet und im Umkreis mästen lässt. Regionale Wertschöpfungsketten sind schon per se nachhaltiger angelegt: die Tierbestände sind in der Regel kleiner, die Haltungsbedingungen großzügiger, die Entfernungen kürzer. Das gilt es in der laufenden Diskussion noch viel stärker herauszustellen. Außerdem ist die Erzeugung in kleinen Strukturen stärker am Bedarf ausgerichtet. Nicht umsonst predigt das Fleischerhandwerk ja inzwischen selbst: Lieber weniger Fleisch, aber dafür gutes.

Ganz unabhängig davon, was die Kanzlerin und ihr Klimakabinett am Freitag als Maßnahmenpaket vorstellen werden: Beim Klimaschutz sind letztlich alle gefragt. Und da ist das Prinzip der vielen kleinen Schritte durchaus legitim. Alternative Antriebe für Fahrzeuge, umweltfreundliche Verpackungen, energiesparende Technik – Ansatzpunkte gibt es in jedem Unternehmen reichlich. Und mit jedem Schritt kann man sich als nachhaltig wirtschaftender und umweltbewusst agierender Partner darstellen. Das Bewusstsein beim Kunden hierfür wird steigen, nicht erst mit den Beschlüssen aus Berlin.

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