Kommentar von
Renate Kühlcke

Umweltschutz Raus aus der Eskalationsspirale

Donnerstag, 13. Februar 2020
Die Klima-Debatte nicht den Kritikern überlassen.

Der digitale Hype ist vorbei, dafür kommen die großen Gesellschaftsthemen zurück – so sieht Matthias Horx das neue Jahrzehnt. Der Zukunftsforscher denkt dabei nicht an Trendphänomene, sondern „an einen tiefen, grundlegenden Wandel in denen sich alles verändert – Wirtschaft, Kultur, Politik, das ganze Wertesystem, das Denken, sogar die Weltwahrnehmung der Menschen“. So äußerte sich der Forscher im Medienblatt „Horizont“. „Solche Transformationen geschahen vor 8.000 Jahren, mit dem Übergang vom Jäger-und-Sammler-Dasein zur Landwirtschaft. Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, dem Zeitalter der Renaissance. Oder zwischen 1850 und 1900, als die Industriegesellschaft die agrarische Gesellschaft ablöste,“ erklärt Horx. Die CO2-Diskussion wird für ihn zur Schlüsselfrage, „weil sich daran sehr viel festmachen lässt“.

Die aktuelle mediale und politische Gemengelage, die mehr Fragen aufwirft als Lösungen anbietet, stützt diese Einschätzung. Es sind düstere Szenarien, die Klimaforscher von der Zukunft zeichnen. In ihren Projektionen spielen die Land- und Ernährungswirtschaft eine bedeutende Rolle. Und so erlebt ein erfolgreicher Wirtschaftszweig gegenwärtig in der öffentlichen Diskussion eine regelrechte Eskalationspirale – weg von der faktenorientierten Debatte hin zu ethischen Grundsatzfragen rund um Fleischkonsum und Klimaschutz.

Zu dumm, dass der Offenstall und die Öko-Kuh per se ihren konventionellen Pendants klimapolitisch nicht überlegen sind. Es ist auch naiv zu glauben, dass ein Klimadesaster zu verhindern ist, wenn nur alle sofort auf Fleisch verzichten. Einfache Lösungen gibt es nicht. Das befreit die Fleischbranche aber keinesfalls davon, Antworten und klare Strategien auszuarbeiten. Denn Recht behalten dürfen nicht die Kritiker, die schon jetzt vorrechnen, dass die Fleisch- und Milchindustrie in 32 Jahren für 80 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist, weil alle anderen Industriebereiche ihre Klimaschutzziele verfolgen und sogar erreichen.

Auf dem Frische Forum Fleisch in Berlin wurde klar: Die Debatte darf nicht den Kritikern überlassen werden. Das System der Nutztierhaltung generell in Frage zu stellen, ist populistisch und nicht zielführend. Die Branchenakteure sind realistisch und rechnen in den nächsten zehn Jahren für West- und Nordeuropa mit einem Konsumrückgang von annähend 30 Prozent. Weniger Menge, mehr Qualität ist eine Antwort. Entsprechend arbeiten Schlachtbetriebe mit ihren landwirtschaftlichen Partnern an neuen Ideen und Zukunftsprogrammen. Auch die Fleischverarbeiter haben ambitionierte CO2-Ziele und investieren in Nachhaltigkeit.
Frische Forum Fleisch 2020
(Bild: Felix J. Holland)

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Andere Gene, neue Rassen und individualisierte Fütterung sind Beispiele für forschungsorientierte Ansätze auf der grünen Seite, die bereits auf den Weg gebracht sind. Die Forderung nach Halbierung der deutschen Bestände zur Rettung des Klimas funktioniert als Pauschallösung schon deshalb nicht, weil im Fall dieses Falles dann eben in anderen Ländern Tierbestände aufgebaut werden, wo Klimaschutz (und Tierwohl) kaum eine Rolle spielen. Vergleichbares gilt für die auf Effizienz ausgerichtete Fleischverarbeitung. In Deutschland können heute Lebensmittel mit einem vergleichsweisen kleinen CO2-Fußabdruck erzeugt werden und belasten so bei der Produktion einer vergleichbaren Menge das Klima weniger stark als Produzenten in anderen Regionen der Welt.

Allen Anstrengungen zum Trotz bleibt Fakt: Auch wenn es der Landwirtschaft seit 1990 gelungen ist, trotz Produktionssteigerungen die Emissionen um 20 Prozent zu reduzieren, werden sich die Klimagase hier nie ganz vermeiden lassen. Namhafte Agrarwissenschaftler sprechen sich auch deshalb dafür aus, die Landwirtschaft möglichst frühzeitig in den Emissionsrechtehandel einzubeziehen. Dabei stellt sich die Frage, ob Klimaschutz-Bemühungen ausgelagert werden sollten. Ein Tauschhandel mit riesigen Geldmengen wird schnell zu einem lukrativen Geschäftsmodell, in dem die Klimadebatte nur noch Mittel zu diesem Zweck ist. Dabei ist doch die größte Gefahr fürs Klima der Glaube, jemand anderes wird’s schon richten. Die CO2-Diskussion bleibt kontrovers.
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